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Die Zukunft der Erinnerung

„Der Übergang vom kommunikativen Gedächtnis, das durch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen repräsentiert ist, in das kulturelle Gedächtnis steht unmittelbar bevor. Gleichzeitig wird unsere gegenwärtige und zukünftige Memorierung maßgeblich medial gestaltet. Wie historische Inhalte vermittelt werden, wie der Kontakt zur Historie aussehen kann und wie sich Erinnerungskultur insgesamt ausprägt, wird von der digitalen Welt verändert und sogar bestimmt.“

PD Dr. Anne-Berenike Rothstein, Fachbereich Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften der Universität Konstanz

Wie sichern wir die Zukunft der Erinnerung? Wie erinnern wir uns heute und wie werden sich folgende Generationen erinnern? Der Umgang mit Vergangenheit in gesellschaftlichen Kollektiven, die sogenannte Erinnerungskultur, ist nicht allein durch den Lauf der Geschichte in ständigem Wandel: Die Art und Weise, was und wie wir speichern, welchen Zeitzeugenberichten wir wann welche Aufmerksamkeit schenken und wie sich Erinnerungsräume in unsere Lebenswirklichkeiten einbinden lassen, nehmen großen Einfluss auf die Interpretation und Bewahrung von Vergangenem. Aktuell sorgt insbesondere das Sterben der letzten Holocaust-Zeitzeuginnen und -zeugen für einen Umbruch in Forschung und Praxis. Zum anderen stellt die Digitalisierung viele Prozesse der Erinnerungsarbeit auf den Kopf. Wir haben uns die Ansätze, mit diesen Änderungen umzugehen, einmal genauer angeschaut.

Nicht erst seit der fortschreitenden Digitalisierung sind Medien und Erinnerungskultur maßgeblich miteinander verknüpft. Nicht einmal die Erfindung des Buchdrucks oder die elektronischer Medien bildet den eigentlichen Auftakt der Verflechtung. Schriften und Zeichnungen auf jeglichem Material ‒ Stein, Papyrus, Tierhaut ‒ ermöglichen es seit jeher, persönliche Erinnerungen festzuhalten und somit in das kollektive Gedächtnis zu überführen.

Medien sind externe Speicherstrukturen, durch welche Erinnertes unabhängig vom Individuum gesichert werden kann; Memorierhilfen, die für das Bestehen der sozialen Gruppe wichtig sind. Doch was passiert, wenn diese Speicherstrukturen den Einflüssen der Umwelt nicht gewachsen sind und mit der Zeit unbrauchbar werden? Die neue Erinnerungskultur zum Beispiel hat für Berichte der Überlebenden des Holocaust in den 1980er und 1990er Jahren auf das Medium der analogen Videokassette gesetzt, das nach der Millenniumswende schon wieder obsolet war.

Aleida Assmann zur Evolution der Speichermedien

Aleida Assmann, emeritierte Professorin für englische Literatur und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, vergleicht die aktuelle Situation der Digitalisierung mit der im dritten Jahrhundert. Damals mussten alle Schriften aufgrund begrenzter Haltbarkeit des Trägermaterials von Papyrus auf Pergament, also Tierhaut, übertragen werden ‒ „Alles, was es nicht auf die Pergamenthaut geschafft hat, ist verloren. Wir müssen uns klar machen, dass wir damit schon einmal eine Kultursituation hatten, die der Gegenwart ganz ähnlich ist. Wenn wir heute keine Videobänder von VHS-Kassetten auf Digitales umkopieren, dann gehen diese auch verloren.“

Nur ein Medium zeigt sich von diesem Wandel sichtlich unberührt, merkt Assmann an: „Bücher bleiben währenddessen einfach weiter in den Bibliotheken stehen und warten die nächste Medienwende geduldig ab.“ Für die Anglistin und Literaturwissenschaftlerin hat dieses „einfach dort stehen“ einen besonderen Wert. Die ständige Innovation der Medien und die damit verbundene Selektion dürfe nicht zur Folge haben, dass nur aufbewahrt wird, was im aktuellen gesellschaftlichen Kontext relevant scheint: „Bei Archiven geht es darum, dass sie mehr enthalten als das, was unsere engen Selektionskriterien wünschen, brauchen und ständig nutzen.“

Prof. Dr. Assmann führte dazu die Unterscheidung von Speichergedächtnis und Funktionsgedächtnis ein. Sie betont, dass Erinnerungen immer die Möglichkeit haben sollten, in den Hintergrund gestellt zu werden, ohne vollkommen in Vergessenheit zu geraten: „Wir dürfen nicht denken, es gäbe nur diese beiden Möglichkeiten ‒ entweder Erinnern oder Vergessen. Es ist vielmehr ein gestuftes Vergessen, ein vielschichtiger Prozess.“ Archive enthalten viel mehr, als man brauchen kann, sie ermöglichen deshalb immer wieder neue Entdeckungen, aber sie haben auch ihre Grenzen. Zum Beispiel hat es lange gedauert, bis die Erfahrungen und Leistungen von Frauen ins Archiv aufgenommen wurden. Zudem brauchen Bücher Platz, der nur selten in unbeschränktem Ausmaß zur Verfügung steht.
 

„Alles, was es nicht auf die Pergamenthaut geschafft hat, ist verloren. Wir müssen uns klar machen, dass wir damit schon einmal eine Kultursituation hatten, die der Gegenwart ganz ähnlich ist. Wenn wir heute keine Videobänder von VHS-Kassetten auf Digitales umkopieren, dann gehen diese auch verloren.“

Prof. i. R. Dr. Dr. hc Aleida Assmann

Heißt das somit, dass die Digitalisierung, die uns die Sicherung von scheinbar unendlichen Datenmengen auf einem kleinen Chip ermöglicht, die Erinnerungsarbeit in Zukunft nachhaltig vereinfachen wird? „Natürlich wirkt sich die einfache Erweiterung der Speichkapazität erst einmal positiv aus“, beginnt Assmann. Gleich darauf betont sie allerdings die Risiken, die mit dieser Entwicklung einhergehen: „Diese großen Speicher sind aber auch gefährlich. Die Datenmenge wächst und wächst und nimmt erschreckende Dimensionen an. Wir können zwar mittlerweile Algorithmen als Selektionsmaschinen einsetzen, damit geben wir allerdings unsere eigenen Fragen an die Maschine ab und nehmen in Kauf, dass sich jemand unsere Daten zunutze machen kann.“ Den Überblick zu verlieren bedeute nicht nur Kontrollverlust, sondern auch den Spiel- und Denkraum aufzugeben, der uns ermöglicht mit dem Erinnerten zu arbeiten, statt es nur zu archivieren.

„Ich habe lieber einen beweglichen Geist als einen vollgestopften Kopf“, zitiert Aleida Assmann Montaigne. Auch sie kenne das Gefühl, etwas wegzuwerfen und es am nächsten Tag in einem unerwarteten Kontext doch wieder zu brauchen. Trotzdem könne und dürfe man nicht alles aufheben, denn „letztlich kommt es nicht auf die puren Daten an, die wir speichern, sondern auf das Wissen, das wir daraus generieren.“

https://www.youtube.com/watch?v=OtwlfBPom4g

Die Zukunft der Erinnerung in der Diskussion

Insbesondere durch die Arbeit von Aleida und Jan Assmann ist die Erinnerungskultur in Konstanz und darüber hinaus bei Weitem kein unbekannter Begriff. Erst vergangenes Jahr hat das Forscherpaar, das viele Jahre an der Universität Konstanz gewirkt hat, für seine Arbeit zum Umgang mit Erinnerung den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Es gab allerdings durchaus Bedenken, wie es nach der Emeritierung von Prof. Dr. Aleida Assmann um die Erinnerungsarbeit in der Wissenschaft bestellt sein würde, entsinnt sich Prof. Dr. Michael Schwarze, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Sektion an der Universität Konstanz.

Die Konferenz „Entgrenzte Erinnerung“, die am 25. und 26. Januar 2019 auf der Insel Mainau stattfand, macht deutlich: Es gibt keinen Grund zur Sorge. Während sich nur wenige in Mützen und Mäntel gehüllte Spaziergängerinnen und Spaziergänger auf die Insel verirrten, blieb im Tagungsraum kaum ein Platz frei. Als erste Konferenz, die Wissenschaft und Gedenkstättenarbeit auf diese Weise zusammenbringt, lockte sie Referierende und Interessierte aus ganz Deutschland und darüber hinaus an den Bodensee.

Es geht, um es mit Aleida Assmanns prägnanten Worten zu sagen, um „die Frage nach der Zukunft der Erinnerung“. Und da diese Frage keine ist, die nur auf einem Weg zu beantworten ist, war es den Organisatorinnen Dr. Anne-Berenike Rothstein, Privatdozentin im Fachbereich Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften an der Universität Konstanz, und Dr. Stefanie Pilzweger-Steiner, wissenschaftliche Referentin der Gedenkstätte Dachau, ein Anliegen, einen transdisziplinären Austausch zu ermöglichen und Positionen aus der Forschung mit Projekten aus der Praxis zu vereinbaren.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Medialisierung, die auf vielen verschiedenen Wegen Einfluss auf die Erinnerungsarbeit nimmt: Von Speicherung und Archivierung über veränderte Formen der Wahrnehmung bis hin zu Möglichkeiten der ortsunabhängigen Rezeption. Medien, insbesondere die Entwicklung digitaler Technologien, eröffnen neue Chancen. Sie werfen allerdings auch grundlegende Fragen auf:

Wie können Archivierende mit der Entwicklung der Datenträger mithalten? Wie lassen sich aufgezeichnete Erinnerungen erfolgreich neu kontextualisieren? Was bedeutet Zeitzeugenschaft heute? Wie können Medien Erlebnisse und ein historisches Verständnis schaffen und gleichzeitig einen kritischen Umgang mit Erinnerungen vermitteln?

Diese Fragen stellen sich ganz allgemein im Hinblick auf Erinnerung. Der Diskurs wird jedoch stark von geschichtlichen Ereignissen und der aktuellen gesellschaftlichen Situation geprägt, so dass vor allem die Erinnerungen der letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Verbrechen der Nationalsozialisten ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

PD Dr. Anne-Berenike Rothstein, Akademische Rätin für romanische Literaturen am Fachbereich Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften der Universität Konstanz, leitete in Zusammenarbeit mit Dr. Stefanie Pilzweger-Steiner von der KZ-Gedenkstätte Dachau die Konferenz auf der Insel Mainau. Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und der Gedenkstättenarbeit diskutierten dort Positionen und Projekte zur medialen und digitalen Erinnerungskultur.

Darüber hinaus engagiert sich Anne-Berenike Rothstein auch in weiteren Projekten für den Transfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im Hinblick auf die Arbeit mit Erinnerung und Zeugenschaft (gegenwärtig leitet sie unter anderem eine internationale Forschergruppe zum Thema „Tattoos as Memorable Palimpsest – Identification Levels and Potentials in War- and Post-War Periods“). Im Interview ordnet sie den Wert der medialen Entwicklungen für die Erinnerungsarbeit ein und betont die Notwendigkeit transdisziplinärer Zusammenarbeit.

Anne-Berenike Rothstein im Interview

Frau Dr. Rothstein, im Rahmen Ihres Transferprojekts MEMOZE haben Sie gemeinsam mit der Gedenkstätte Dachau eine Konferenz zu neuen medialen Formen von Erinnerung und Zeugenschaft initiiert. Sie heißt „Entgrenzte Erinnerung“. Was bedeutet dieser Titel für Sie?

Anne-Berenike Rothstein: „Durch die digitalen Medien wird Erinnerung neu gestaltet, werden die traditionellen Grenzen des räumlichen Archivierens geöffnet; persönliches und öffentliches Erinnern funktionieren fließend. Die Formulierung „Entgrenzte Erinnerung“ bezieht sich auf die sich verändernde Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Digitalzeitalter und evoziert zugleich die Entstehung neuer Erinnerungskollektive, -sphären, -vermittlungen und mehr.

Für mich war die Interviewreise nach Ljubljana zu einem der letzten Überlebenden des KZ-Außenlagers Überlingen-Aufkirch, das in engem Zusammenhang zum Goldbacher Stollen steht, eine persönliche Erfahrung entgrenzter Erinnerung. Bislang hatte ich das Thema Zeugenschaft mit einem rein wissenschaftlichen Zugang untersucht. Die Ausführungen von Anton Jez, einem beeindruckenden Überlebenden, waren deshalb eine sehr wertvolle Perspektiverweiterung und Bereicherung meiner Arbeit.“
 

Rückblickend auf die diskutierten Inhalte auf der Konferenz: Stellen die medialen Entwicklungen eher eine Bereicherung oder eine Konkurrenz für Orte des kollektiven Erinnerns wie Museen und Denkstätten dar?

Anne-Berenike Rothstein: „Wie die Konferenzbeiträge eindrucksvoll bewiesen haben, können die digitalen Medien durchaus als Bereicherung der klassischen Erinnerungsorte verstanden werden. Auch wenn das Anliegen weiterhin besteht, den Ort in seiner – so noch vorhandenen – Authentizität zu bewahren und die Zeugen und Zeugnisse darin zu verorten, so muss doch der heutigen „Medienabhängigkeit und -geprägtheit der Erinnerung“, wie Astrid Erll es nennt, Rechnung getragen werden.

So kann das Bespielen von Social Media Kanälen mit innovativen Programmen dabei helfen, auch das jüngere Publikum in den aktuellen Erinnerungsdiskurs zu integrieren. Zudem bieten Augmented Reality-Projekte und Apps an Orten, die sich durch eine völlige Absenz von historischem Material auszeichnen, neue Möglichkeiten, Räume zu erleben. Außerdem kann die Digitalisierung dazu genutzt werden, die Vernetzung und das Verstehen von größeren Zusammenhängen zu erschließen.“
 

Vernetzung und Verstehen sind an dieser Stelle passende Stichworte. Was hat Sie dazu bewegt, eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gedenkstättenarbeit ins Leben zu rufen?

Anne-Berenike Rothstein: „Im Rahmen meines Transferprojektes zu Medialen Vermittlungsstrategien von Erinnerung und Zeugenschaft ‒ unterstützt durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder und das Transfer in der Lehre-Programm der Universität Konstanz ‒ hatte ich bei einem Archivaufenthalt mit der wissenschaftlichen Referentin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Dr. Stefanie Pilzweger-Steiner, gemeinsam diese Idee entwickelt. Wir wollten in einer dialogischen Struktur Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gedenkstättenbereich und dem akademischen Umfeld in einer Konferenz zusammenzuführen, um den Wandel in der Erinnerungskultur zu diskutieren.“

Nun sind Wissenschaft und Forschung ja nicht die einzigen Parteien dieses Transferprojekts. Es wurden auch künstlerische Projekte aus der Lehre im diesem Rahmen präsentiert. Welchen Platz nimmt die Medienkunst in der genannten Zusammenarbeit ein?

Anne-Berenike Rothstein: „Bei unserer Soirée „Entgrenzte Erinnerung – Künstlerische Positionen zu Erinnerung und Zeugenschaft im digitalen Dialog“, die im Rahmen meiner Seminare in Zusammenarbeit mit der Wiener Medienkünstlerin Mona Rabofsky stattfand, haben wir uns ebenfalls dem Transfer wissenschaftlicher Inhalte gewidmet und digital-künstlerische Zugänge gewählt.

Mit dem kulturwissenschaftlichen Wissen um Erinnerungsräume und Zeugenschaft entstanden Arbeiten, die nicht den Terrorort evozieren wollen, sondern den bestehenden Ort nutzen, um Denkanstöße zu geben. Die Studierenden haben sich – je nach ihren Schwerpunktsetzungen in den Bereichen Literatur-, Kunst- oder Medienwissenschaften – mit der Beschaffenheit des Ortes selbst, mit der Reflexion über den Ort, mit Sprache und Zeugenschaft im Erinnerungsraum beschäftigt. Dieser Zugang ist insofern wichtig, als er eine andere Form der visuellen Vermittlung zeigt, die direkt auf die Immersion der Zuschauerinnen und Zuschauer abzielt.“

Raum, Erinnerung und Zeugenschaft

Die Soirée ist das Ergebnis des Transferseminars „Gelebte Geschichte ‒ neue literarische und mediale Dimensionen von Erinnerung und Zeugenschaft“ aus dem Wintersemester 2018/2019, bei welchem die Studierenden in Zusammenarbeit mit der Medienkünstlerin Mona Rabofsky künstlerische Projekte zu den Schlüsselwörtern Raum, Erinnerung und Zeugenschaft erarbeiteten.

Der Goldbacher Stollen in Überlingen war dabei nicht allein Ausstellungsort sondern zugleich ein historisch belasteter Raum, ein Ort des kollektiven Erinnerns an die Verbrechen der Nationalsozialisten , dessen Historie und Raumerfahrung in verschiedenen Formen in die Projekte mit eingeflossen sind: Die Seminarteilnehmerin Josefine Honke, Doktorandin im Promotionsstudiengang Literaturwissenschaften, beispielsweise hat sich das Ziel gesetzt, den Häftlingen, die diesen Raum für Rüstungszwecke in KZ-Haft erschaffen mussten, mit Hilfe von Lyrik einen „auditiven Gedenkstein“ zu setzen.

Andere arbeiteten mit Schrift oder Bild, stellten mal Geschichten, mal Emotionen und mal Fragen in den Vordergrund. Die Masterstudentin Tomke Blotevogel wollte mit ihrer Arbeit zum Nachdenken anregen: „Die Besucherinnen und Besucher sollten sich fragen, inwieweit sie sich selbst als Zeugen und Zeuginnen wahrnehmen oder ob ein Raum als eine Art Zeuge betrachtet werden kann.“

Das Suchen nach Antworten und nach Verständnis ist für Tabea Widmann, Seminarteilnehmerin und Promotionsstudentin, das, was unsere Generation und auch die Erinnerungsforschung ausmacht. Für diese Suche sei die Kunst eine große Hilfe, so Josefine Honke: „Sie macht das, was wir erforschen auf andere, vielleicht empathischere Weise zugänglich“. Im Video berichten die Teilnehmerinnen, wie sie von dem Transfergedanken des Projektes profitieren konnten.

https://www.youtube.com/watch?v=FAA8WNgzko4&feature=youtu.be

Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Prof. Dr. Christiane Bertram, Juniorprofessorin für Fachdidaktik in den Sozialwissenschaften an der Binational School of Education (BiSE) der Universität Konstanz, beschäftigt sich mit der Vermittlung von Erinnerung durch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – einerseits im direkten Austausch und andererseits medial kommuniziert. In einer groß angelegten empirischen Studie, für die sie mit dem Publikations-Preis 2018 in der Kategorie Post-Docs der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) geehrt wurde, hat sie sich mit der Wirkung von lebendigen Zeitzeugen im Vergleich zur Arbeit mit geschriebenen und aufgenommenen Zeitzeugenberichten im Geschichtsunterricht befasst.

In insgesamt 30 Klassen untersuchte sie die Wirkung der Arbeit mit Zeitzeugen auf den Unterrichtserfolg. Die Ergebnisse zeigten: Schülerinnen und Schüler lernen motivierter, wenn sie mit einem persönlich anwesenden Zeitzeugen arbeiten. Gleichzeitig fällt es ihnen schwerer, die Berichte mit einer kritischen Distanz zu betrachten und zu reflektieren. Authentizität und Nähe sind also vielversprechende Faktoren, um Schülerinnen und Schüler zu begeistern, können aber die reflektierte historische Erkenntnis behindern.

Daher betont Christiane Bertram die Notwendigkeit, die Aussagen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu kontextualisieren und emotionale Effekte im Unterricht zu besprechen. In einem Interview mit Deutschlandfunk bringt sie die Ergebnisse ihrer Studie mit der WDR-History-App „WDR AR 1933-1945“ in Verbindung. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat eine App entwickelt, die Zeitzeugenberichte aus dem zweiten Weltkrieg in die Klassenzimmer bringen und mit Hilfe von Augmented Reality, somit erweiterter Realität durch Hologramme und Animationen, lebhaft darstellen soll. Über die Chancen dieser App dürfe nicht vergessen werden, die starke Emotionalisierung, mögliche Überforderung und damit einhergehende mangelnde Distanzierung und Kritikfähigkeit zu adressieren, erklärt Christiane Bertram.