Donald Trump: Mediengenie und Meister des Regelbruchs

Donald Trump poltert, polarisiert, chargiert: Anlässlich der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen analysiert die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Juliane Vogel, wie der 45. US-Präsident sich als moderner Medienherrscher in Szene setzt. Ihre Einschätzung: „Trump ist ein Mediengenie, das vollständige Kontrolle über den Apparat hat“. Im Jahr 2020 wurde sie für ihre Arbeiten mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet.

© Bild: DWilliams/Pixabay

Frau Professorin Vogel, Sie beschäftigen sich nicht nur mit Auftrittsinszenierungen im Theater und im Drama, sondern auch mit dem Auftritt als soziales und politisches Phänomen. Was verstehen Sie unter den Begriffen „Auftritt“ und „Auftrittskultur“?

Juliane Vogel: Ein Auftritt ist ein Akt des öffentlichen „In-Erscheinung-Tretens“, wobei man den Begriff der Öffentlichkeit unterschiedlich auslegen kann. Von einem Auftritt spreche ich, wenn der Moment einer Ankunft oder des Hereintretens betont und inszeniert wird – Auftreten ist allein nicht möglich, sondern nur vor Publikum. Der Auftritt ist rhetorisch, da man dieses Publikum mit der eigenen Erscheinung überzeugen und beeindrucken will. Einerseits müssen Auftritte so angelegt sein, dass alle die eigene Präsenz bemerken, andererseits zeigt man sich in einer rhetorisch übersteigerten, vermehrten oder vergrößerten Form.
 

„Trumps Auftrittsprotokoll besteht aus Regelbrüchen, die er ritualisiert und in ein neues Protokoll verwandelt.“

Prof. Dr. Juliane Vogel

 
Unter Auftrittskultur verstehe ich ein gesteigertes inszeniertes Auftreten, das bestimmten Regeln folgt, die nicht der Ankommende, sondern die Gesellschaft setzt, die ihn empfängt. Auftrittskulturen lassen sich nach den Regeln und Protokollen unterscheiden, die einem Auftritt eine Form geben. Diese Regeln sind beispielsweise in religiösen Kontexten andere als in der Politik, auch wenn sie voneinander lernen können. Wir sehen aber auch, wie sich Auftrittsgestaltungen mit der technischen Entwicklung ändern. Große Auftritte mit Helikoptern oder Autoflotten beispielsweise sind Erscheinungen der Moderne, hier werden die Auftrittsdramaturgien an neue Formen der Mobilität angepasst und neue Kraftressourcen gewonnen.
 
 

Wie würden Sie den Auftritt Donald Trumps bewerten bzw. lässt sich in diesem Fall überhaupt von einem einzigen Auftritt sprechen? Er liebt einerseits große Gesten und die große Inszenierung, nutzt aber auch die direkte Ansprache per Video- und insbesondere Twitter-Botschaft. Wie sind diese unterschiedlichen Arten der Inszenierung einzuordnen?

Juliane Vogel: Der Auftritt ist die wichtigste symbolpolitische Grundlage der Trump-Ära. Es gibt keinen anderen Präsidenten der USA, der seine Macht in dieser Weise als Auftrittsmacht inszeniert hätte. Daher lässt sich nicht im Singular von einem Auftritt sprechen. Vielleicht sollte ich es aber umgekehrt formulieren: Seine Auftritte sind so zahlreich und obsessiv, dass sie sich zu einem einzigen Auftrittskomplex zusammenfassen lassen, in dem die Medien natürlich eine zentrale Rolle spielen. Es geht um die Inszenierung einer Dauerpräsenz, die durch Auftritte dynamisiert und sequenziert wird und die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit monopolisiert.
 
Dabei spielen auch die verschiedenen „Pacings“ – Rhythmisierungen – eine Rolle, die er sehr geschickt einsetzt. Dazu gehört sowohl das Klatschen, das wir von ihm bereits hinlänglich kennen, und mit dem er sich gern in die Reihen seiner Anhänger eingliedert, aber auch die inflationären Twitter-Botschaften: Es geht hier nicht nur um den Content, sondern darum, den Alltag Amerikas mit perkussiven, wiederkehrenden Einschlägen zu durchdringen. So erzeugt er eine kollektive Taktung, die scheinbar die gesamte Nation eingroovt und ihr seine Impulse aufzwingt.
 
 

Lassen Sie uns das anhand einiger jüngerer Beispiele genauer betrachten. Fangen wir mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nach seiner COVID-19-Behandlung im Walter Reed Army Medical Center an. Was geht hier vor sich?

https://www.youtube.com/watch?v=FBtP8yWd7Qg

Juliane Vogel: In dieser speziellen Auftrittsinszenierung geht es um sehr viel, nämlich darum, wie der Präsident im Moment der körperlichen Schwäche erscheint. Dieser Moment ist in der politischen Auftrittsinszenierung entscheidend. Der Historiker Ernst Kantorowicz hat zwischen dem natürlichen Körper eines Herrschers und seinem Zeichenkörper unterschieden. Dabei geht es darum, den „body natural“ in seiner Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit durch den „body politic“ – den Zeichenkörper – zu überwinden oder zu überspielen. Wird der Körper des Königs oder Herrschers von einer Seuche ergriffen und geschwächt – in diesem Fall durch COVID-19 – muss die Auftrittsinszenierung dagegen arbeiten, um die Sicherheit, die Wiedererkennbarkeit, die Stabilität aber auch den Glanz des Souveräns aufrechtzuerhalten. Es handelt sich um altbekannte und belastbare Regeln, die in der Politik immer wieder so funktionieren. Das gilt insbesondere für die Vereinigten Staaten, wo körperliche Schwäche bei Führungspersonen anscheinend nicht akzeptabel ist. Deshalb erhält Trump seine eigenen Auftrittsroutinen um jeden Preis aufrecht. Dazu gehört auch die von ihm entwickelte Helikopterauftrittsroutine – eine Art Trumpsches Markenprotokoll – auf die er hier, das heißt im Moment der Schwäche, zurückgreift. Ganz wichtig ist dabei die Aufrechterhaltung des aufrechten Gangs hin bzw. weg zum Fahrzeug, das bereits die Maschinen angeworfen hat. Trump setzt damit einen den Zuschauern vertrauten Bewegungsimpuls, um das Bild zu dynamisieren und als Appeal nach vorne zu tragen.
 
 

Wie ist der teilweise sehr kritisch kommentierte Moment zu bewerten, in dem der auf dem Balkon des Weißen Hauses stehende Trump trotz COVID-19-Erkrankung seine Maske abnimmt?

Juliane Vogel: Im Grunde handelt es sich um einen Akt der Wiedererkennung. Indem er die Maske abnimmt – den entstellenden Fremdkörper, den er immer schon loswerden wollte – ruft sich Trump damit als der Alte in Erinnerung – und darum geht es letztlich. Allerdings ist in dem Moment, in dem er die Maske abzieht, für ein paar Momente lang klar zu erkennen, dass er ein kranker Mann ist. Trumps Gegner haben die Aufzeichnungen, die seine Atemnot zeigen, in zahlreichen Blow-Ups auf YouTube eingestellt, um das Bild zu zerstören, das er von sich selbst entwirft. Dann gibt es einen Schnitt und das übliche Polittheater des Überwindens, des Sieges, der unversehrten triumphalen Rückkehr nimmt seinen Lauf. Ganz kurz ist hier der „body natural“ in seiner Schwäche zu sehen, dann tritt jedoch sofort die Inszenierung des „body politic“ wieder in den Vordergrund, über den sich der natürliche wieder regeneriert. Nicht umsonst betont Trump: „Ich bin jung”. Im Auftritt zeigt er sich in künstlicher Jugendfrische – als der Zeit und dem Niedergang entzogen. Zum Schluss dieser Szene im Weißen Haus erhebt sich dann noch einmal emblematisch, einer motorisch-metallischen Erektion gleich, der Helikopter. Diese Inszenierung einer sehr exklusiven Männlichkeit ist unglaublich platt, aber letztlich sehr gut inszeniert.
 
 

Diese Form der Inszenierung lässt sich auch anderswo auf der Welt beobachten. Demokratisch oder vermeintlich demokratisch gewählte Herrscher inszenieren sich als quasi-Monarchen...

Juliane Vogel: Das kommt wieder, ja. Die Auftrittskultur wird sehr stark von diesen neoautoritären, autokratischen Regimen geprägt und die kehren letztlich alle zu einem Auftrittsrepertoire und einer Auftrittsrhetorik zurück, die bereits in der Antike, aber auch in der absoluten Monarchie, zu beobachten ist. Es gibt eine Kontinuität im Zeichenrepertoire, in der Inszenierungsform, in der Rhetorik, die heute vollständig in Blüte steht, aber auch deutliche Verwahrlosungssymptome aufweist, wie man beispielsweise an den Imperialzeremonien Putins sieht. Donald Trump benutzt diese Rhetorik, aber bei ihm ist das auf sehr interessante Art und Weise amerikanisiert und in das amerikanische Imaginäre eingebettet. Wir sehen hier nicht einfach eine Reinkarnation von Ludwig XIV, sondern ganz im Gegenteil ein neues, mit Elementen der Hollywooddramaturgie erweitertes und modifiziertes Protokoll, das aber wie das alte ein Triumphalprotokoll ist.
 

„Trump ist ein moderner Medienherrscher, der genau weiß, wie er seine Mittel anpassen muss.“

Prof. Dr. Juliane Vogel

 

Parallel kursieren im Internet auch unbearbeitete Aufnahmen derselben Szene, die Trump dabei zeigen, wie er sich auf seinen großen Moment vorbereitet. Da werden z. B. noch einmal Anzugjacke und Krawatte gerichtet oder Anweisungen gegeben. Untergräbt diese Parallelität der Bilder nicht den Eindruck der mühelosen Überlegenheit, den er eigentlich erzeugen möchte?

Juliane Vogel: In der aktuellen Medienkultur gelten Auftrittsvorbereitungen nicht als Demontage. Im Gegenteil: Casting-Shows bestehen nur zu einem minimalen Anteil aus dem Auftritt selbst. Der Rest ist Vorbereitung mit Zuschauern. Das sogenannte „Making-Of“ zeigt Momente der Schwäche, der Inkompetenz, des Missverständnisses, die aber alle eingepreist sind. Der Vorlauf mit seinen Fehlern und Unvollkommenheiten lässt anschließend den eigentlichen Auftritt umso professioneller erscheinen und verleiht dem perfekt auftretenden Akteur gleichzeitig ein menschliches Gesicht. Gerade das Richten des Jacketts ist ein Klassiker. Damit wird gleichsam das Visier heruntergezogen, die Unzulänglichkeiten des Alltagskörpers mit männlicher Geste abgestreift und ein diskreter, aber wirksamer Anfang gesetzt.
 
 

Im (vermeintlichen) Gegensatz zum gerade besprochenen großen Auftritt stehen Videobotschaften, in denen Trump ganz allein auftritt. In welchem Verhältnis steht diese Art der Ansprache zu der großen Inszenierung?

https://www.youtube.com/watch?v=MqzW-M-hkzA

Juliane Vogel: Wir sehen hier den sehr zugänglichen Präsidenten, der sich persönlich an sein Publikum wendet und sich diesem präsentiert. Wenn wir aber das hier Gesagte wörtlich nehmen, gerade was diese Szene angeht, wird schnell klar, dass diese Inszenierung innerhalb der genannten Auftrittsprotokolle vollständig schlüssig ist.
 
Der erste Satz, „Hi, perhaps you recognize me, itʼs your favourite president“, wird natürlich ironisierend eingesetzt, adressiert aber ganz konkret den Gefahrenmoment schlechthin, nämlich dass der Präsident in der Zeit seiner Krankheit unkenntlich geworden sein könnte. Die große Angst auch jedes Herrschers ist doch, die Kontrolle über sein Bild zu verlieren, in einer Form sichtbar zu werden, die ihn deformiert. Indem Trump ironisch diese Möglichkeit in den Raum stellt, adressiert er die ganz massive Gefahr, dass die Krankheit ihn in einer Weise entstellt hat, die seinen Rollenkörper zerstört. Dieser Gefahr begegnet er hier anscheinend spielerisch, in zwangloser oder informeller Form, wie sie auch für einen Werbeclip typisch ist.
 
Was dann folgt, sind Triumphalmythen, ist Triumphalrhetorik, die den Herrscher im Moment des Sieges in Szene setzt: Trump ist aus dem Kampf zurückgekehrt, er hat den Gegner besiegt, er war in der Unterwelt und kehrt nun als Auferstandener zurück. Das Mitbringen einer „verschwenderischen rettenden Gabe“ ist hier ganz entscheidend. In diesem Fall handelt es sich um das Medikament, für das er sich als Testperson zur Verfügung gestellt hat. Die Botschaft lautet, dass er mit der Krankheit gekämpft hat wie mit einem Drachen, dass er das Mittel dazu gehabt hat, ihn zu besiegen, und, ganz wichtig, dass er anschließend alle an seinem Triumph teilhaben lässt. Dieser Gestus ist in der Triumphalrhetorik festgelegt.
 

 
Trump betont in diesem Video mehrfach, dass er das experimentelle Medikament auf seinen eigenen Vorschlag hin verabreicht bekommen hat ...

Juliane Vogel: Ja. Er inszeniert sich als Opfer und Held zugleich, der für die Gemeinschaft mit dem Drachen kämpft und anschließend seinen Sieg auf das amerikanische Volk überträgt.
 
 

„Das Reality-Show-Format ist das Format, in dem Politik gemacht wird.“

Prof. Dr. Juliane Vogel

 
 

Trumps Regierungsstil wird gern mit seiner Karriere im Reality-Fernsehen in Verbindung gebracht. Ist dieser Vergleich überspitzt?

Juliane Vogel: Das ist nicht so sehr ein Vergleich als der Einsatzpunkt einer immens erfolgreichen Medienstrategie. Das Reality-Show-Format ist das Format, in dem Politik gemacht wird. Trumps gesamtes Repertoire ist bereits in The Apprentice ausgearbeitet. Eigentlich führt er das, was er in der Show gelernt hat, nahtlos als Präsident weiter. Im Zeitalter der sozialen Medien braucht er auch nicht viel mehr, um Politik als Reality-Format zu entwickeln und die politischen Formen dementsprechend anzupassen. Schon in The Apprentice lässt er sich beispielsweise mit dem Helikopter über Manhattan einfliegen. Die Welt liegt ihm zu Füßen, er schlägt die Schneise durch den Himmel. Das ist nun einmal sehr effektiv.

Bei einem Vortrag im Rahmen des Studium Generale Online am Montag, 23. November 2020, wird Juliane Vogel ausführliche Überlegungen zur Kunst und Krise des politischen Auftritts präsentieren. Die Vorträge des Studium Generale finden im Wintersemester immer montags zwischen 18.15 und 19.45 Uhr im Livestream des YouTube-Kanals der Universität Konstanz statt. Der Link und weitere Informationen unter: uni.kn/studiumgenerale
 


© Bild: Universität Konstanz/Ines Njers

Prof. Dr. Juliane Vogel ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie forscht zu den Grundlagen der europäischen Dramaturgie, zu Szenografien des Dramas im historischen Kontext und kulturwissenschaftlicher Perspektive, zum Drama und zur Oper des 18. und 20. Jahrhunderts, zum Theater der Avantgarde, zum Schneiden und Schreiben in den Texten der Moderne sowie zur Faktografie. Ihr übergeordnetes Forschungsinteresse gilt dem Auftritt als Grundelement einer dramatischen Szene. Erst kürzlich wurde Juliane Vogel mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet.
 

 

Dr. Tullia Giersberg

Von Dr. Tullia Giersberg - 03.11.2020