„Erinnern ist Arbeiten an der Zukunft“

Am 8. Mai 2020 jährt sich das Ende des zweiten Weltkriegs zum 75. Mal – Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann äußert sich im Interview, wie die Sicht auf den Tag die Erinnerungskultur in Nachkriegsdeutschland prägte

© Bild: MichaelGaida/Pixabay

Die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Aleida Assmann, von 1993 bis 2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, greift mit ihren wissenschaftlichen Studien die Themen Geschichtsvergessenheit und Erinnerungskultur auf. „Im Gespräch“ äußert sie sich zum 8. Mai 1945. Sie erklärt unter anderem, wie der 2020 sich zum 75. Mal jährende Tag der Befreiung beziehungsweise Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht die Erinnerungskultur der deutschen Nachkriegszeit geprägt hat.
 

Frau Assmann, wieviel Platz braucht Geschichte, das Sich-Erinnern in unserer Gesellschaft?

Das muss eigentlich jeder für sich selbst entscheiden. Die Jahrestage machen vorübergehend Platz für einen bestimmten Ausschnitt aus der Geschichte, und die öffentlichen Medien unterstützen das und machen dazu Vorschläge, aber es gibt keinen Zwang zum Erinnern.

 

8. Mai 1945: Tag der Befreiung und Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht: Was von beidem hat die Erinnerungskultur in Deutschland mehr beeinflusst?

Das hing jeweils von den Generationen und ihren Erfahrungen ab. Für die Kriegsgeneration und die Soldaten, die an diesem Tag in Gefangenschaft gerieten, fühlte es sich eher wie eine Niederlage an, während ihre Kinder und Enkel sich heute mit den Siegern an die Befreiung durch die Alliierten erinnern.

 

Von Ihnen stammt das Zitat: „Erinnern ist Arbeiten an der Zukunft.“ Ist das Erinnern im Sinne der Arbeit an der Zukunft im Fall dieses 8. Mai 1945 im Nachkriegsdeutschland gelungen?

Während der 8. Mai in der DDR ab 1950 jährlich wie in allen anderen Sowjetstaaten als Befreiungstag begangen wurde, hat es in Westdeutschland länger mit der Begehung dieses Tages gedauert. Willy Brandt und Gustav Heinemann konnten sich nicht durchsetzen. Niederlagen feiert man nicht, hieß es damals. Erst Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 40 Jahre später rückblickend dem Tag eine neue Bedeutung gegeben - aus der Perspektive von einem, der diesen Krieg vom ersten Tag an als Soldat mitgemacht hat: Als öffentliches Bekenntnis zu einem Identitätswandel vom NS-Staat zur westeuropäischen Staatengemeinschaft.

„Niederlagen feiert man nicht, hieß es damals.“

Prof. Dr. Aleida Assmann, von 1993 bis 2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz

 

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die zunehmende Instrumentalisierung dieses Teils der deutschen Geschichte durch rechte politische Kräfte?

Erstaunlich ist, dass dort, wo die Siegesfeiern zum 8. Mai Pflicht waren wie in der DDR, nach der Wende die Stimmung umschlug und rechte Gruppen in Dresden den Bombenterror der Alliierten anprangerten. Sie waren nicht bereit, sich mit den Siegern zu identifizieren und präsentierten die Deutschen als Opferkollektiv.

 

Stichwort Holocaust. Von den Jüngeren hört man immer wieder: Wir waren doch gar nicht die Täter. Was geht uns all das an. Was geht es uns im Sinne des kollektiven Gedächtnisses an?

Natürlich waren die Angehörigen der nachwachsenden Generationen nicht die Täter. Wer hätte das denn je behauptet? Der Schuldbegriff führt hier nicht weiter, nur der Begriff der Verantwortung. Es macht eben einen Unterschied, ob man in einem Land lebt, von dem der Wahn ausging, die Juden in ganz Europa zu vernichten. Die Spuren dieser Vernichtung festzuhalten – ich denke zum Beispiel an die Stolpersteine – das ist ein Projekt der nachfolgenden Generation geworden. Jede weitere Generation kann sich dazu verhalten – oder auch nicht. Der Kampf der AfD gegen die deutsche Erinnerungskultur ist auch eine Form, sich dazu zu verhalten – durch aktive Leugnung.

 

Immer wieder hört man, dass Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ein Beispiel: Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Maximilian-Kolbe-Werkes besucht immer wieder Holocaust-Überlebende beziehungsweise deren Nachfahren. Sie hat den Fall einer Roma-Frau geschildert, die als kleines Mädchen zusehen musste, wie ihre hochschwangere Mutter ihr eigenes Grab schaufeln musste und dann getötet wurde. Die Frau hat selbst eine Tochter, die große psychische Probleme hat. Sie müsse für sie weiterleben, sie betreuen, sagt die mittlerweile Betagte. Beiden Frauen geht es schlecht. Auch ein Fall fürs kollektive Gedächtnis?

Das ist eher ein Fall fürs individuelle Gedächtnis. Psychotherapeuten haben immer wieder bestätigt, dass Erlebnisse extremer Gewalt zu seelischen Wunden (nichts anderes bedeutet Trauma) führen, die nicht nur nicht vernarben, sondern die die Eltern aufgrund der Nähe und durch Formen des Umgangs unbewusst an ihre Kinder weitergeben.
 

Erinnerungen sind immer lückenhaft, subjektiv. Inwieweit ist auch ein kollektives Gedächtnis subjektiv?

Das unterscheidet das Erinnern vom Wissen. Wissen ist unbegrenzt und alles ist gleich wichtig. Erinnern ist dagegen begrenzt durch Emotionalität und Relevanz, die durch Perspektive und Identitätsbezug bestimmt sind. Deshalb sind Erinnerungen immer selektiv und subjektiv. Genau deshalb muss man aber aufpassen, dass sie verträglich mit anderen Erinnerungen bleiben und nicht ausschließend werden.

 

Oft gibt es von den Opfern Schilderungen, von den Tätern dagegen nur ganz wenige. Inwiefern beeinflusst das das kollektive Gedächtnis?

Die Holocaust-Erinnerung, die seit der Stockholm-Erklärung im Jahr 2000 auch transnational gepflegt wird, hat dazu geführt, dass die Würdigung der Opfer im Mittelpunkt steht. Und das ist auch gut so. Dabei wurde allerdings der Blick von den Tätern abgelenkt und eher der Forschung überlassen. In den Familien wollte man von den Geschichten der Täter lange nichts wissen, oder man sah sie und sich selbst als Opfer. Inzwischen gibt es aber Anzeichen wie das Buch von Géraldine Schwarz über „Die Gedächtnislosen“, dass die Enkel die Geschichte ihrer Großeltern aufarbeiten.

 

Die historischen Orte bleiben. Hilft uns das? Oder brauchen wir, nachdem wir bald keine Erlebnisgeneration mehr haben, eine neue Erinnerungskultur? Oder gar Rituale?

Die historischen Orte sind ganz wichtig. Sie sind nach dem Ableben der Zeitzeugen die bleibende Evidenz für den Holocaust, nicht nur an den großen Gedenkstätten der ehemaligen KZs und Todeslager, sondern auch an den überall im Land verstreuten Orten und Spuren ausgelöschten jüdischen Lebens. Rituale sind daneben ein ganz zentrales Mittel der Aufrechterhaltung von Erinnerungen über die Generationenschwelle hinaus.

 

Welche Rolle spielt die Erinnerungskultur für ein friedliches Miteinander?

Erinnern kann Hass und Kriege befeuern – denken Sie an den Gebrauch der Erinnerung an die verlorene Schlacht der Serben auf dem Amselfeld im Jahr 1389, die Milosevic im Balkankrieg 600 Jahre später als Propaganda eingesetzt hat. Erinnerung ist aber nicht nur ein Mittel, um Kriege am Leben zu erhalten, sondern auch, um sie wirklich zu beenden. Das geht, wenn das nationale Gedächtnis sich nicht nur an Heldentaten und Opfer, sondern auch an Verbrechen erinnert und gegenseitiges Leid anerkannt wird. Dafür gibt es bereits ermutigende Beispiele, und es ist zumindest meine Hoffnung für eine friedliche Zukunft.

Prof. Dr. Aleida Assmann hatte von 1993 bis 2014 die Professur für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Generationen in Literatur und Gesellschaft, Deutsche Erinnerungsgeschichte nach dem 2. Weltkrieg, Kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung und Gedächtnistheorie, Geschichte des Lesens und der Schrift, Menschenbilder – historische Anthropologie. Sie war maßgeblich beteiligte Wissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz. Seit 2016 ist die international renommierte Forscherin Permanent Fellow des Kulturwissenschaftlichen Kollegs Konstanz. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt Aleida Assmann 2017 den Balzan-Preis für Forschungen zum kollektiven Gedächtnis und 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt wurde sie mit dem Dr. K. H. Eberle-Preis 2020 ausgezeichnet. Diese und weitere Auszeichnungen erhielt sie gemeinsam mit Prof. Dr. Jan Assmann.

Hildegard Nagler

Von Hildegard Nagler - 05.05.2020