„Es geht auch um Demo­kratie­bil­dung“

„Im Gespräch“ befragt die Juniorprofessorin Dr. Christiane Bertram zu ihrer multidisziplinären Studie „Kompetenzerwerb mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht: Aus der deutsch-deutschen Teilungsgeschichte lernen“ . In der Interviewreihe „Im Gespräch“ werden Wissenschafts- und Forschungsthemen, hochschulpolitische Fragen sowie Einrichtungen der Universität Konstanz vorgestellt.

© Porträts von Zeitzeuginnen und –zeugen aus dem Projekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“. Bild: KRRO

Wie wirken Zeitzeuginnen und -zeugen im Geschichtsunterricht auf die Lernenden? Dr. Christiane Bertram von der Binational School of Education (BiSE) der Universität Konstanz geht dieser Frage in einer groß angelegten Studie mit 72 Klassen nach. Die Juniorprofessorin für Fachdidaktik in den Sozialwissenschaften arbeitet mit entsprechenden Personen der Generation 1975, die in Baden-Württemberg, Brandenburg beziehungsweise in West- oder Ost-Berlin aufgewachsen sind und sehr unterschiedliche Blicke auf die DDR und alte „BRD“, aber auch auf das wiedervereinte Deutschland werfen.

Frau Bertram, wie ist es zu der Interventionsstudie mit Zeitzeuginnen und -zeugen im Unterricht gekommen? Welche Erfahrungen mit der Zeitzeugenschaft im Geschichtsunterricht gingen ihr voraus?

"Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Zeitzeugenschaft, seit ich denken kann, eine große Rolle gespielt hat."


Mein Vater hat den Bombenkrieg in Essen im Zweiten Weltkrieg erlebt, ist dadurch zur Theologie gekommen und Pfarrer geworden. Meine Mutter ist in Siebenbürgen aufgewachsen und mit ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg vor der Front im Osten geflüchtet. Beide haben ihre Geschichte nicht verdrängt, sondern haben mir von der Vergangenheit, die mir so weit entfernt vorkam wie das Mittelalter, viel erzählt.

Als Geschichtslehrerin habe ich dann meine Eltern als Zeitzeugen in meine neunte Klasse eingeladen – ohne mir das damit verbundene Risiko wirklich bewusst zu machen. Denn die Lernenden werden kaum auf die Idee kommen, die Aussagen der Zeitzeugen, die die Eltern der Lehrerin sind, kritisch zu hinterfragen. Aber: Es war eine sehr spannende Geschichtsstunde mit lebendigen Berichten über die Flucht aus Siebenbürgen beziehungsweise den Bombenkrieg in Essen.

In meiner Zeit als Geschichtslehrerin am Gymnasium habe ich häufig mit Zeitzeugen gearbeitet. In mehreren Zeitzeugen-Projekten zu Flucht, Vertreibung und Kriegserfahrungen in Reutlingen haben die Lernenden die eigenen Großeltern oder Nachbarn befragt. Deren Berichte, selbst wenn sie erkennbar nicht ganz korrekt waren, in Frage zu stellen, fiel den Kindern sichtlich schwer. Doch diese Projekte haben Impulse für den Austausch in der Familie gegeben. Eine Mutter erzählte mir damals, die Tochter habe sich erstmals für den Dialekt des Großvaters, der aus dem Banat stammte, interessiert. Insgesamt habe ich als Lehrerin sehr gute Erfahrungen mit der Zeitzeugenschaft im Unterricht gemacht, die ich in meinem Dissertationsprojekt empirisch überprüft habe.

Hier habe ich als „Expertenlehrkraft“ 30 Klassen zu dem Thema „Friedliche Revolution in der DDR“ unterrichtet. In jeweils zehn Klassen haben wir mit einem Live-Zeitzeugen aus der DDR beziehungsweise mit dem Video beziehungsweise mit dem Transkript einer Zeitzeugenbefragung gearbeitet. Das Ergebnis: Die Schülerinnen und Schüler in der Live-Gruppe hatten zwar sehr viel mehr Spaß und Interesse an der Unterrichtseinheit, aber sie haben in den Kompetenztests schlechter abgeschnitten als die beiden anderen Gruppen: Sie haben weniger gut verstanden, dass Zeitzeugenaussagen perspektivisch sind und kritisch hinterfragt werden müssen.

In der neuen Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, fragen wir nun zum einen, was die Schülerinnen und Schüler mit Zeitzeugen lernen und wie viel Freude sie daran haben, wenn sie von ihren eigenen Lehrkräften unterrichtet werden, und zum anderen, welche Rolle das Erlebnis einer Zeitzeugenbegegnung, die live oder medial vermittelt wird, hierbei spielt.

An Ihrer Studie sollen 72 Schulklassen mitwirken. Wie werden diese ausgewählt?

Wir werden im Schuljahr 2021/2022 gemeinsam mit dem Zentrum für Schulqualität und Entwicklung eine zentrale Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg anbieten. Es wird darum gehen, wie wir uns 30 Jahre nach dem Fall der Mauer an das geteilte und wiedervereinigte Deutschland erinnern. Hierbei werden wir mit Zeitzeugen aus dem Interviewprojekt „Generation 1975“ arbeiten. In einem Teil der Stichprobe (28 Klassen) werden die Zeitzeugen live in die Klassen eingeladen, in einem anderen Teil (ebenfalls 28 Klassen) werden die Klassen mit den Videos arbeiten. In den Klassen der Kontrollgruppe wird es lediglich Testungen geben. Diese Lehrkräfte erhalten die Fortbildung ein Jahr später. Die Lehrkräfte, die sich für die Fortbildung anmelden, werden den drei Gruppen (Livegruppe, Videogruppe, Kontrollgruppe) per Zufall zugeteilt.

Wie wird der Unterricht in den drei Gruppen ablaufen?

Für die Klassen in den beiden Experimentalgruppen (Live und Video) werden wir eine Unterrichtseinheit vorbereiten, die aus drei Modulen, also drei Doppelstunden, besteht, in der eine Zeitzeugenbefragung vorbereitet, durchgeführt und ausgewertet wird. Lediglich das zweite Modul unterscheidet sich: In der Live-Gruppe wird mit dem Zeitzeugen im direkten Gespräch gearbeitet, in der Video-Gruppe hingegen mit einem Zeitzeugenvideo. In den Klassen der „Wartekontrollgruppe“ – das ist der Fachbegriff für die Gruppe, in der die Lehrkräfte erst ein Jahr später fortgebildet werden – wird das Thema „Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands“ wie gehabt und ohne Zeitzeugen unterrichten.

Nach welchen Kriterien arbeiten Sie in der Wirksamkeitsstudie? Was genau untersuchen Sie dabei?

Wir arbeiten nach streng empirischen Kriterien und orientieren uns hierbei an den Standards in der medizinischen Interventionsforschung. Daher werden die Lehrkräfte der jeweiligen Gruppe zufällig zugewiesen, deshalb gibt es eine Kontrollgruppe, die keine Intervention erhält, und deswegen ist die Stichprobe so groß. 72 Klassen – das sind um die 2.000 Schülerinnen und Schüler. Wir setzen daher standardisierte Fragebögen und Testinstrumente ein, bei denen die Lernenden vor allem ankreuzen. In allen 72 Klassen werden unmittelbar vor und nach der Unterrichtseinheit und rund drei Monate später die Testungen durchgeführt, in denen wir das Interesse der Lernenden, ihre Kompetenzen historischen Denkens und ihr Fachwissen erfassen. Außerdem erfassen wir in einem Fragebogen, wie die Lernenden die Zeitzeugenbegegnung erlebt haben. Die Testungen werden von geschulten Testleitern durchgeführt werden. Wir wollen herausfinden, ob es differenzielle Unterschiede in der Schülerleistung beziehungsweise ihrem Interesse gibt, wenn sie mit einem Live- oder Video-Zeitzeugeninterview arbeiten. Zudem interessiert uns, welche Rolle das Erlebnis der Zeitzeugenbefragung hierbei spielt.

Sie arbeiten in der Wirksamkeitsstudie mit Zeitzeugen der „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“, einem multimedialen Interviewprojekt, das Sie initiiert haben und gemeinsam mit der Stiftung Berliner Mauer, dem Archiv Deutsches Gedächtnis der Fernuniversität Hagen und die Videokünstlerin Ina Rommel und der Videokünstler Stefan Krauss durchführen. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?

Durch meine bisherige wissenschaftliche Arbeit hatte ich Kontakte zu den Forschern des „Archivs deutsches Gedächtnis“ und zu den Kollegen der Stiftung Berliner Mauer. Ina und Stefan habe ich über mein erstes Zeitzeugenprojekt kennengelernt. Über die Ergebnisse meiner international hochrangig publizierten Dissertation wurde in den überregionalen Medien berichtet, auch im „Neuen Deutschland“. Eine alte Dame, eine Leserin aus Ost-Berlin, war von Ina Rommel und Stefan Krauss für eine Videoinstallation über die Erlebnisse von Kriegskindern in Berlin für Inas Abschlussarbeit an der Hochschule der Künste in Berlin befragt worden. Die alte Dame hat den Zeitungsausschnitt über meine erste Zeitzeugenstudie Stefan Krauss in die Hand gedrückt und er hat sich dann bei mir gemeldet. Gemeinsam hatten wir die Idee, die „Wendekinder“ als Zeitzeugen zu befragen. Hieraus entstand das Interviewprojekt „Generation 1975“, das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird.

Videokünstlerin Ina Rommel und der Videokünstler Stefan Krauss

© Bild: KRRO

Nebenbei: Warum haben Videokünstler die Gespräche mit Zeitzeugen aufgezeichnet? Haben diese zugleich auch eine journalistische Ausbildung?

Nein, das haben sie nicht. Sie haben auch keine geschichtswissenschaftliche Ausbildung. Aber Ina Rommel und Stefan Krauss verstehen es hervorragend, die Menschen zum Erzählen zu bringen, Nähe und Vertrauen herzustellen. Dies war für die lebensgeschichtlichen Interviews optimal. Neben dem offenen Teil, in dem die Zeitzeugen die Schwerpunkte gelegt haben, wurden einige Fragen an alle gestellt, die wir in der Projektgruppe miteinander abgestimmt haben. So kam in den Interviews die geschichtswissenschaftliche, didaktische, geschichtskulturelle und künstlerische Expertise zusammen.

Nach welchen Kriterien werden die Zeitzeugen, mit denen die Klassen in der Studie arbeiten werden, ausgewählt?

In dem Interviewprojekt „Generation 1975“ haben wir insgesamt 26 Zeitzeugen aus dem Osten und Westen Deutschlands – aus Brandenburg, Baden-Württemberg, Ost- und West-Berlin – zu ihren Erinnerungen an das geteilte und wiedervereinigte Deutschland befragt. In der Interventionsstudie zum Thema „Dreißig Jahre später – Sind wir heute vereint?“, die in Baden-Württemberg stattfinden wird, werden wir die Vorgänge aus der Westperspektive betrachten. So werden die meisten Eltern der Neuntklässler, die an der Studie teilnehmen, den Fall der Mauer als Jugendliche im Westen miterlebt haben – wie die Zeitzeugen der „Generation 1975“ aus Baden-Württemberg.

Diese haben von dem Mauerfall fast nichts mitbekommen, für sie hat sich nichts verändert. In den Interviews ist bei vielen eine gewisse Ignoranz herauszuhören. Das spitzt sich für mich in der Aussage eines Zeitzeugen aus Baden-Württemberg zu, wonach „bei uns noch nie etwas passiert ist“ bis zur „Finanzkrise und Abwrackprämie“, die auch nicht wirklich etwas verändert habe. Bei dieser Aussage hatte er den Fall der Mauer sicher nicht auf dem Schirm. Für die Menschen in Ostdeutschland hingegen hat sich 1989/1990 das Leben schlagartig und komplett verändert: Die bisherigen Sicherheiten waren plötzlich weg, alles war neu und unbekannt. In unserer Unterrichtseinheit, die an baden-württembergischen Schulen stattfinden wird, laden wir in dem zweiten Modul Zeitzeugen aus dem Osten in die Klassen ein beziehungsweise arbeiten mit ihren Videos: Wir möchten ihnen zuhören, erfahren, was sie bewegt, und ihre Aussagen mit weiteren Quellen und Darstellungen überprüfen und in einen größeren Kontext stellen.

Welches Ziel möchten Sie am Ende Ihres Projekts, das Geschichtswissenschaft, Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik verbindet, erreicht haben? Könnten die Ergebnisse Ihres Projekts wegweisend für die künftige Aufbereitung von Geschichtsthemen sein?

Von der Zusammenarbeit von Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur und Geschichtswissenschaft in den beiden miteinander verbunden Projekten profitieren die Kooperationspartner gleichermaßen. Das „Archiv Deutsches Gedächtnis“ bekommt 26 lebensgeschichtliche Interviews. Die Stiftung Berliner Mauer bekommt eine tolle Videoinstallation, die sie im Gedenkjahr 2020 zeigen wird. Zudem entwickelt die Stiftung mit den Videos ein didaktisches Angebot für Schulklassen. In meiner Arbeitsgruppe an der Universität Konstanz wird das Material wissenschaftlich ausgewertet, und wir nutzen die Videos für die DFG-Interventionsstudie. Eine Übertragung solcher Kooperationen auch auf andere Themen der Vergangenheit, die in unsere Gegenwart hineinragen, kann ich mir gut vorstellen.

"Welches Ziel ich mit diesem Projekt erreichen möchte? Ob im Geschichtsunterricht oder in der außerschulischen historisch-politischen Bildung geht es uns darum, ein kritisches und reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu fördern."

Wenn wir etwas über die Vergangenheit und über deren Bedeutung für heute erfahren wollen, sollten wir mehrere Zeitzeugen befragen und ihre Aussagen hinterfragen, wir sollten uns weitläufig informieren und auf verschiedene Quellen und Darstellungen zurückgreifen, um ein begründetes eigenes Urteil bilden zu können. Dabei ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren, den eigenen Kopf „eingeschaltet“ zu lassen.
 

"Schließlich wollen wir im Geschichtsunterricht kein Faktenwissen vermitteln, mit dem man in der Show 'Wer wird Millionär' punkten würde, sondern es geht um die Orientierung in der Gegenwart, es geht auch um Demokratiebildung."

Mit dem Projekt würden wir gerne einen Beitrag dazu leisten, dass wir im Osten und Westen Deutschlands miteinander ins Gespräch kommen, die unterschiedlichen Erfahrungen wahrnehmen und Empathie entwickeln. Ich würde mir wünschen, dass wir uns gegenseitig besser zuhören, um die Unzufriedenheit, die auch heute noch in Ostdeutschland bei vielen zu spüren ist, besser zu verstehen und die Erfahrungen aller nutzen, um unsere Zukunft zu gestalten. Denken wir zum Beispiel an die Erfahrung vieler Menschen im Osten mit einer lebendigen Nachbarschaft und ihrer Fähigkeit, angesichts knapper Materialien und Ressourcen zu improvisieren, zu reparieren und zu recyceln. Genau diese Fähigkeiten können wir in Deutschland – wenn wir an die Klimakrise oder an die Corona-Krise denken – auch heute und in der Zukunft gebrauchen.

Dr. Christiane Bertram ist seit 2017 Juniorprofessorin für Fachdidaktik in den Sozialwissenschaften und Mitglied der Binational School of Education (BiSE) an der Universität Konstanz. Von 2004 bis 2010 unterrichtete sie als Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte am Friedrich-List-Gymnasium in Reutlingen. Danach forschte sie als Doktorandin in der Abteilung für Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie der Eberhard Karls Universität Tübingen, wo sie 2015 promoviert wurde. Von 2015 bis 2017 war sie dort Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Mitglied der Postdoktorandenakademie Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung.

Hildegard Nagler

Von Hildegard Nagler - 21.04.2020