„Keine verlorene Zeit“

Schule und Corona: Kaum aus dem Lehramtsstudium im Lehrerberuf angekommen, ändert das Coronavirus grundlegend das Referendariat von Maximilian Schrumpf, Alumnus der Universität Konstanz und Referendar am Nellenburg Gymnasium in Stockach. Was der Schulalltag unter Corona-Bestimmungen für Berufseinsteiger bedeutet, berichtet der ehemalige Konstanzer Lehramtsstudent im Interview.

© Bild: Taken/Pixabay

Herr Schrumpf, was hat sich seit den Corona-Einschränkungen im Schulalltag für Sie als Referendar verändert?

Maximilian Schrumpf: Wie in jedem Bereich des persönlichen Alltags: so gut wie alles. Kaum eine Sache, die wir davor im normalen Schulalltag praktiziert haben, konnten wir aufrechterhalten. Die größte Umstellung überhaupt war natürlich, den Schülerinnen und Schülern nicht mehr persönlich begegnen zu können. Das bringt für den Unterrichtsablauf schon sehr viele Veränderungen mit sich. Es gab auch von Anfang an die Ansage, dass es jetzt keine „Corona-Ferien“ geben wird, sondern dass der Unterricht von Zuhause und, so gut es eben geht, stattfinden soll. Für uns bestand die Herausforderung daher darin, den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern in irgendeiner Form zu halten. Ich würde aber trotzdem sagen, dass wir das Beste daraus gemacht haben und dass es keine verlorene Zeit war.
 

Als Referendar ist die Situation in der Schule ja sicherlich noch einmal deutlich herausfordernder, da die Schulpraxis fehlt. Wie haben Sie die Herausforderungen gemeistert?

Es gab sehr viele engagierte Fachleiterinnen und Fachleiter, die von vornherein den Kontakt zu uns Referendarinnen und Referendaren gesucht haben. Sie waren von der ersten Woche an darum bemüht, uns an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen – die sie ja auch erst einmal machen mussten. Umgekehrt war es auch schön, dass wir selbst häufig gefragt wurden, was denn so unsere eigenen Erfahrungen sind, ob wir etwas beitragen können. So haben sich unsere Erfahrungen gegenseitig ergänzt und wurden von Woche zu Woche besser.  

Meiner Ansicht nach war die mangelnde Erfahrung von uns Referendarinnen und Referendaren in dieser Hinsicht eher ein Vorteil: Bei uns waren die Gewohnheiten, die sich durch einen jahrelangen Alltag entwickeln können, einfach nicht vorhanden. Und wir waren schon von vornherein sehr offen, bestimmte Dinge in Bezug auf Online-Teaching auszuprobieren. Diese Tools konnten wir ja in den Klassenräumen bisher nie so wirklich einsetzen. So stellte das für uns auch eine unverhoffte Gelegenheit dar.

„Die größte Umstellung überhaupt war natürlich, den Schülerinnen und Schülern nicht mehr persönlich begegnen zu können.“

Maximilian Schrumpf, Referendar und Alumnus der Universität Konstanz

 

Wie ist Ihr Eindruck: Wie haben die Schülerinnen und Schüler die Situation der letzten Wochen empfunden?

Geteilt würde ich sagen. Bestimmt gibt es eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die mit diesem neuen Alltag ganz gut klarkommt – die daraus resultierenden Vorteile, wie dass der Wecker nicht schon morgens um 6 Uhr klingelt oder dass sie die Aufgaben auch irgendwann nachmittags machen können und zeitlich nicht an einen Stundenplan gebunden sind, tragen dazu bei.

Andererseits überwiegt die Mehrheit derjenigen, die den sozialen Kontakt unglaublich vermisst haben. Da ist es eine echte Herausforderung, die Kinder darauf hinzuweisen, dass die Abstandsregeln eingehalten werden müssen. Sie freuen sich ja verständlicherweise darüber, dass sie wieder direkten Kontakt haben können zu Personen, die sie vielleicht seit Wochen nicht mehr gesehen haben.

Das Interview in voller Länge finden Sie zum Nachhören im Audio-Podcast auf der Webseite der Binational School of Education der Universität Konstanz. Dort finden Sie auch weiterführenden Informationen rund um das Thema Referendariat.


 

Kommen wir zu Ihrem Referendariat als Ganzes: Inwiefern entsprachen Ihre Vorstellungen, die Sie nach der Universität vom Start ins Berufsleben hatten, den Erfahrungen im Referendariat?

Als ich mein Studium beendet habe, hatte ich den Eindruck, dass die Praxisanteile während meines Studiums zu kurz kamen und der fachwissenschaftliche Anteil zu sehr überwogen hat. Die Erfahrung der letzten 18 Monate hat mir jedoch gezeigt, dass es durchaus sinnvoll ist, während des Studiums die inhaltlichen, fachwissenschaftlichen Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Während des Referendariats fehlt schlicht die zeitliche Ressource, sich in bestimmte inhaltliche Dinge einzuarbeiten. Was die praktische Anwendung betrifft, eröffnen sich innerhalb der 18 Monate des Referendariats dann mehr als genug Spielräume.
 

Was nehmen Sie für sich persönlich und beruflich aus dieser Zeit des Referendariates mit?

In jedem Fall habe ich dazu gelernt, wie unglaublich wichtig selbstständige Organisation in jeder Hinsicht ist. Besonders in Zeiten von Lehrproben stellt es eine Herausforderung dar, Berufsalltag und Privatleben in Einklang zu bringen. Da zu merken, wie bedeutend es ist, Dinge von vornherein zu organisieren und zu strukturieren, war für mich eine wichtige Erfahrung. Andererseits aber auch, wie hilfreich es ist, sich diesen neuen Erfahrungen im Referendariat mit einer größtmöglichen Offenheit zu widmen, sich darüber mit anderen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und selbst auszuprobieren. Das ist mitunter das Gewinn bringendste überhaupt der letzten Monate.

Maximilian Schrumpf hat Englisch, Geschichte und Politik/Wirtschaft auf Lehramt an der Universität Konstanz studiert und befindet sich aktuell in der Endphase seines Referendariates am Nellenburg Gymnasium in Stockach


Die Binational School of Education (BiSE) ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Konstanz. Sie steuert, koordiniert und entwickelt alle Bereiche der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an der Universität Konstanz. Sie vernetzt als hochschulübergreifender Lehr- und Forschungsverbund inner- und außeruniversitäre Einrichtungen. Mehr erfahren unter: bise.uni.kn

Anja Beuter/Simone Müller

Von Anja Beuter/Simone Müller - 27.07.2020