Soziologie in digitalen Zeiten

Die 2017 gegründete Akademie für Soziologie richtet unter dem Titel „Digital Societies“ vom 25. bis 27. September 2019 ihre zweite Jahreskonferenz an der Universität Konstanz aus. Ihr Vorsitzender, der Konstanzer Soziologe Prof. Dr. Thomas Hinz, zum Inhalt der Tagung und zur Gründung der Gesellschaft

© Bild: Achim Mende

Herr Hinz, die zweite Konferenz der Akademie für Soziologie (AS) nach ihrer Gründung 2017 trägt den Titel „Digital Societies“. Um was wird es auf der Konferenz gehen?

Prof. Dr. Thomas Hinz: Digitalisierung ist in aller Munde. In der Gesellschaft gibt es große Erwartungen an das, was Prozesse der Digitalisierung mit sich bringen werden, natürlich auch jede Menge an Befürchtungen. Dabei wird manchmal übersehen, dass Digitalisierung schon seit einiger Zeit das Leben vieler Menschen auf der Welt und damit in vielen Gesellschaften nachhaltig verändert hat – nicht nur in Europa beziehungsweise der westlichen Welt. Ziel der Konferenz ist, das soziologische Wissen zu den Potenzialen und möglichen Risiken der Digitalisierung bündeln. Außerdem stimuliert die Digitalisierung mit ihrem Überfluss an Daten auch eine neue Art von sozialwissenschaftlicher Forschung. Wir erwarten natürlich auch neue Anregungen in der Methodendiskussion.

Welche Aspekte werden diskutiert?

Der Blick ins Konferenzprogramm zeigt, dass es bestimmte Schwerpunkte geben wird. So sind etwa mehrere Veranstaltungen zu Arbeitsmarkt und Qualifikation, zur Polarisierung von Meinungen in digitalen Plattformen bis hin zur möglichen digitalen Spaltung von Gesellschaften vorgesehen. Außerdem gibt es Veranstaltungen zur Netzwerkforschung, zu Vertrauensproblemen in anonymen Märkten im Internet sowie generell zur sozialen Kontrolle durch digitale Techniken. Auch werden neuere Arbeiten der analytisch-empirischen Soziologie präsentiert, die nicht im engeren Sinn mit Digitalisierung zu tun haben, etwa Arbeiten der Familien- und Migrationssoziologie. Die Kongresse der Akademie sollen in zweijährigem Rhythmus Highlights der soziologischen Forschung präsentieren.

Die AS ist eine deutsche Gesellschaft. Wird es auch internationale Referenten geben?

Es ist für uns sehr wichtig, die deutsche Soziologie noch besser mit der internationalen Scientific Community zu verbinden. Die Konferenzsprache ist Englisch, wir haben eine ganze Reihe internationaler Präsentationen und freuen uns auf den intensiven Austausch.

Welche Erwartungen verbinden Sie mit der Konferenz?

Die Konferenz wird einen sehr guten und aktuellen Überblick dazu geben, welche Erkenntnisse die analytische-empirische Soziologie zu den angesprochenen Aspekten gesellschaftlichen Wandels bereits erzielen konnte. Genauso erhoffe ich mir vielfältige Anregungen für neue Forschungsprojekte. Dies ist ja auch der Grund, warum man Konferenzen besucht: Die eigenen Ideen diskutieren und dadurch neuen Perspektiven gewinnen.

In der Gesellschaft gibt es große Erwartungen an das, was Prozesse der Digitalisierung mit sich bringen werden, natürlich auch jede Menge an Befürchtungen. Dabei wird manchmal übersehen, dass Digitalisierung schon seit einiger Zeit das Leben vieler Menschen auf der Welt und damit in vielen Gesellschaften nachhaltig verändert hat – nicht nur in Europa beziehungsweise der westlichen Welt.

Prof. Dr. Thomas Hinz, Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz

Die Akademie ist neben der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) eine zweite Gesellschaft für die soziologische Forschung in Deutschland. Warum wurde sie gegründet?

Die Akademie für Soziologie gibt es, weil die Gründerinnen und Gründer die soziologische Forschung stärker in der sozialwissenschaftlichen Fachöffentlichkeit, auch im Austausch mit den Nachbardisziplinen Ökonomik, Politikwissenschaft und Psychologie, und darüber hinaus in der breiteren Öffentlichkeit verankern will. Die Soziologie soll wieder stärker als Quelle gesellschaftlich relevanten Wissens genutzt werden – etwa durch das Bereitstellen von thematischen Expertisen. Darüber hinaus geht es vor allem darum, den vielen sehr gut ausgebildeten, jüngeren Soziologinnen und Soziologen sinnvolle Unterstützung in ihrer akademischen Entwicklung zukommen zu lassen.

Kritiker behaupten, durch die Neugründung würde die deutschsprachige Soziologie gespalten. Was sagen Sie dazu?

Mit der Akademiegründung wurde meines Erachtens auf anhaltende Funktionsdefizite der DGS wie beispielsweise die geringe Vertretung der analytischen empirischen Soziologie in den Entscheidungsgremien und das nach meiner Einschätzung oft unscharfe wissenschaftliche Profil beziehungsweise die mitunter ausbleibende Trennung wissenschaftlicher Ergebnisse und normativer Urteile reagiert. Es leuchtet ein, dass wir manchen DGS-Funktionären als Störenfriede oder Anmaßung erscheinen. Die beiden Fachgesellschaften stehen aber nach meinem Verständnis nicht unbedingt in Konkurrenz zueinander. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich bei der Akademie für Soziologie engagieren, sind auch bei der DGS und ihren Sektionen aktiv, und umgekehrt.

Welche Aufgaben haben solche Fachgesellschaften überhaupt?

Es geht vor allem darum, eine fachliche Vertretung im Wissenschaftssystem sicherzustellen, etwa gegenüber der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten oder dem Wissenschaftsrat. Die Akademie für Soziologie hat beispielsweise Maßgaben zur möglichst offenen und produktiven Nutzung von Forschungsdaten erarbeitet und bringt sie in die Diskussion mit anderen Fächern ein. Entsprechende Positionen werden am Rande der Konferenz auf der Mitgliederversammlung beschlossen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, als Gäste die Arbeit unserer Fachgesellschaft kennenzulernen.

In den Statuten der AS wird als Ziel zum Beispiel auch Politikberatung genannt. Will die Akademie, dass sich die SoziologInnen im Sinne von Transfer mehr aus den Universitäten heraus bewegen?

Die Akademie für Soziologie setzt sich dafür ein, dass die Ergebnisse von oft mit erheblichen öffentlichen Mitteln geförderten Forschungsprojekten auch in der politischen Diskussion genutzt werden. Dabei gilt es darauf zu achten, dass Standards wissenschaftlichen Vorgehens bei der Untersuchung umstrittener gesellschaftlicher Themen beachtet werden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass SoziologInnen mit vielen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren im politischen System und darüber hinaus kommunizieren müssen. Das müssen wir oft erst noch lernen.

 

Prof. Dr. Thomas Hinz ist seit 2004 Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Methoden der empirischen Sozialforschung, der Arbeitsmarktsoziologie, Sozialstrukturanalyse, Organisations- und Wirtschaftssoziologie sowie Bildungssoziologie. Thomas Hinz ist Vorsitzender der Akademie für Soziologie seit ihrer Gründung im Jahr 2017.

Maria Schorpp

Von Maria Schorpp - 13.09.2019