Wo bleibt die Bildungsgerechtigkeit?

Wir riskieren Rückschritte bei der Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit, sagt die Konstanzer Bildungsforscherin Prof. Dr. Axinja Hachfeld. Im Interview mit campus.kn übt sie Kritik an der aktuellen Entscheidung der Bundesregierung zur Wiedereröffnung der Schulen und bemängelt dabei nicht nur die fehlende Planungssicherheit für die Bildungseinrichtungen, sondern auch fehlende politische Weitsicht in Bezug auf die gesellschaftlichen Konsequenzen. Axinja Hachfeld vertritt die Professur für Erziehungswissenschaft am Fachbereich Geschichte, Soziologie, Sportwissenschaft und empirische Bildungsforschung der Universität Konstanz und ist Principal Investigator am Konstanzer Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“.

© Bild: Taken/Pixabay

Wie ordnen Sie die Entscheidung der Bundesregierung vom 15. April 2020 zur schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen ab dem 4. Mai 2020 ein?

Versetzen wir uns doch für einen Moment in die Lage eines Lehrerinnenkollegiums, das sich derzeit in der Situation befindet, für Kinder und Jugendliche verschiedener Klassen den Unterricht für die nächste Zeit planen zu müssen. Aus meiner Sicht ist die wichtigste Frage, ob die Entscheidung der Bundesregierung den Lehrerinnen und Lehrern nun Planungssicherheit gibt. Meiner Meinung nach ist dies aktuell nicht der Fall.

Bislang haben die Schulen drei Wochen Notbetrieb durchlebt und improvisiert. Nun zeichnet sich ab, dass die Schulschließung für die meisten Schülerinnen und Schüler zunächst weitergehen soll. Wie lange dieser Zustand noch andauern wird, ist aktuell nicht absehbar. Es wäre dabei aber notwendig, zumindest eine mittelfristige Planungssicherheit für Schulen zu schaffen, damit diese Modelle entwickeln und umsetzen können, um ihre Schülerinnen und Schüler aus der Distanz heraus pädagogisch und didaktisch anzuleiten und zu unterstützen. Es ist wenig hilfreich, wenn einerseits kommuniziert wird, dass eine Öffnung „sobald wie möglich“ ermöglicht werden soll, de facto aber die Schließung immer wieder um wenige Wochen verlängert wird. Dieses Vorgehen sorgt dafür, dass Schulen auch weiterhin schlicht nicht planen können. Zusätzlich herrschen große Unterschiede, was die Ausstattung und auch die bauliche Substanz der Schulen angeht: Die Schulträger sind aufgerufen, „die hygienischen Voraussetzungen vor Ort zu schaffen und dauerhaft sicherzustellen.“ Dies sind im Grunde Dinge, auf die Elternvertretungen und Gewerkschaften seit Jahren hinweisen und auf die sie in verschiedenen Forderungen aufmerksam gemacht haben. Vielfach steht also die Frage im Raum, ob und wie sich die von der Politik vorgegebenen Voraussetzungen ohne Weiteres umsetzen lassen.
 

Was empfehlen Sie aus Sicht einer Bildungsforscherin und welche Rolle spielte die Bildungsgerechtigkeit für die Entscheidung?

Ich denke zunächst, dass sich die Schulen und auch die Eltern auch weiterhin darauf einstellen müssen, dass für viele Kinder die Schließung länger anhalten wird. Den Lehrkräften muss daher der Raum und die Möglichkeit gegeben werden, ihren Unterricht längerfristig umzustellen – und hierbei auch Bildungsungleichheiten zu berücksichtigen. Wir konnten in den vergangenen Wochen beobachten, wie engagiert und motiviert die Lehrkräfte sind und wie viele Ideen sie haben. Dennoch benötigen sie auch Unterstützung, vor allem, wenn sie jetzt stärker individuell mit den Schülerinnen und Schülern interagieren sollen.

Seit Jahren plädieren Elternvertretungen und Bildungsforschende dafür, Schulen personell durch weiteres pädagogisches Personal zu erweitern. Jetzt wäre eine Gelegenheit dafür und es wäre ein Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Lerntherapeutinnen und -therapeuten könnten über Video-Coachings schwache Schülerinnen und Schüler unterstützen. Auf die unterschiedlichen Voraussetzungen – sei es im Elternhaus oder bei den Vorleistungen der Schülerinnen und Schüler – geht die Entscheidung der Bundesregierung nicht ein. Dabei spielen diese eine viel wichtigere Rolle bei der Beantwortung der Frage, in welchen Fällen die Rückkehr in die Schule stärker angezeigt ist, als die Klassenstufe, über die in der Entscheidung das Anfangsdatum definiert wird.

Insofern bin ich aus Sicht einer Bildungsforscherin, die sich auch mit sozialen Ungleichheiten beschäftigt, über den Beschluss enttäuscht. Natürlich wünschen wir uns alle, dass Schulen ihre Funktion wieder voll aufnehmen können. Da uns jedoch von Epidemiologen gesagt wird, dass das noch dauern kann, wünsche ich mir von der Bildungspolitik vor allem Lösungsvorschläge, wie in der derzeitigen Situation verhindert werden kann, dass sich soziale Ungleichheiten weiter verstärken. Diese Lösungen werden auch Ressourcen brauchen, die die Bildungspolitik in die Hand nehmen muss. Dass sich jetzt auch Studierende engagieren und sich als Nachhilfelehrerinnen und -lehrer anbieten, die über Videochat Schülerinnen und Schülern Lernunterstützung anbieten, finde ich toll. Die Bildungspolitik kann sich das aber nicht zuschreiben.
 

Mit dieser Entscheidung greift die Bundesregierung die Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zumindest in Teilen auf. Sie gehören zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die entsprechende ad-hoc Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Pandemie kritisiert hatten. Aus welchem Grund?

Das Ziel der Stellungnahme der Leopoldina war, die Situation aus einer gesellschaftlichen Sicht zu beschreiben und den Fokus auf die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekte zu legen. Diese Anliegen finde ich sehr wichtig. Wir kritisieren insofern auch nicht die Stellungnahme als Ganzes, sondern haben in unserer Kritik vor allem die Empfehlungen in Bezug auf den frühkindlichen Bereich in den Blick genommen. Aus unserer Sicht wurden hier Fragen der sozialen und der Geschlechtergerechtigkeit nicht ausreichend berücksichtigt. Die Leopoldina empfiehlt pauschal, die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis auf weiteres geschlossen bzw. im Notbetrieb zu belassen. Es findet hier keine Diskussion um die pädagogische Funktion der frühen Bildung statt.

„Frühkindliche Bildungseinrichtungen bieten nicht nur eine Betreuung, die es den Eltern ermöglicht, zu arbeiten, sondern leisten wichtige Bildungsarbeit auch und insbesondere vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheiten.“

Prof. Dr. Axinja Hachfeld, Bildungsforscherin an der Universität Konstanz

Wir weisen hier unter anderem auf die sprachliche Bildung bei Kindern hin, die beispielsweise zuhause eine andere Sprache als Deutsch sprechen, aber auch auf die Anregungsqualität, die nicht in allen Familien gegeben ist.
 

In Ihrer Kritik gehen Sie auch darauf ein, dass die Hauptlast für den Wegfall der institutionellen Betreuung von Frauen getragen wird.

Das stimmt. Eine weitere Kritik von unserer Seite ist, dass die Betreuungslast derzeit überwiegend bei den Frauen liegt. Das erwähnt zwar auch die Leopoldina – allerdings nur an einer Stelle und ohne Lösungsvorschläge. Insbesondere im frühkindlichen Bereich ist der Betreuungsbedarf intensiv. Das wissen alle, die schon einmal versucht haben, mit zwei Kindern im Alter von einem und drei Jahren nebenbei noch acht Stunden Homeoffice zu bewältigen. Sollte diese Situation länger anhalten, sehe ich einen klaren Rückschritt für die Gleichberechtigung.

In meiner aktuellen Elternbefragung sollte das Elternteil die Fragen beantworten, das die Hauptverantwortung für die Kinder während der Schulschließung innehat – dies waren zu 90% die Frauen. 37% der Frauen gaben an, dass sie sich sonst die Arbeit mit ihren Männern teilen würden. Bei den teilnehmenden Vätern sah das anders aus: Unter ihnen gaben zwei Drittel an, dass sie sich normalerweise die Erziehungsarbeit teilen würden. Frauen leisten schon im normalen Alltag mehr Erziehungsarbeit, in Krisensituationen steigt der Anteil jedoch noch weiter.
 

Schülerinnen und Schüler, die nicht zu den Abschlussjahrgängen gehören, werden auch weiterhin zunächst zuhause unterrichtet werden müssen. Sie haben mit ihrer Arbeitsgruppe bereits eine Elternbefragung zum Thema Homeschooling abgeschlossen. Aktuell führen Sie eine Befragung von Lehrerinnen und Lehrern durch. Welche Erfahrungen haben Eltern und Lehrpersonal in den vergangenen Wochen während der Schulschließungen gemacht?

In unserer Umfrage ging es zunächst einmal um die Frage, wie Eltern und Kinder diese Situation derzeit erleben und wie sie mit den Lehrkräften kommunizieren. Als Psychologin haben mich vor allem auch die emotionalen Aspekte interessiert. Wir haben die Umfrage sehr schnell nach Beginn der Schulschließung begonnen. 1.500 Eltern haben teilgenommen, allerdings konnten wir in der kurzen Planungszeit keine repräsentative Stichprobe ziehen. Das macht sich auch in den Ergebnissen bemerkbar: Obwohl der Großteil der Eltern ihrer Arbeit im Homeoffice weiterhin nachging, fühlten sich die Eltern mehrheitlich fachlich kompetent, zuversichtlich und motiviert, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Ein so positives Ergebnis hatten wir nicht erwartet. Allerdings haben bei unserer Umfrage auch überwiegend Eltern teilgenommen, die selbst Abitur oder einen höheren Abschluss haben und deren Kinder zu Beginn der Schulschließung sehr gut oder gut in den Hauptfächern waren.

Es zeigten sich jedoch auch Unterschiede zwischen den Eltern: Während die eine Hälfte der Eltern den Heimunterricht entspannt erlebte, empfand die andere Hälfte ihn als stressig. Und die Eltern, deren Kinder vor der Schulschließung eher im Notenbereich drei bis vier lagen, machten sich auch mehr Sorgen, wie es nun nach der Schulschließung weitergehen würde, als die Eltern der Kinder mit sehr guten und guten Leistungen.

Einen weiteren positiven Einfluss auf den Alltag der Familie hatte die Schulschließung trotz allem: Gemeinsame Aktivitäten wie Essen, Kochen, Unterhaltungen und Freizeitaktivitäten fanden in dieser Zeit bei den meisten Familien häufiger statt. Gleichzeitig nahm aber auch der Streit um die Nutzung von Medien und die Erledigung von Schulaufgaben zu.

Spannend wäre es, die Umfrage nach der Entscheidung nun noch einmal durchzuführen. Mittlerweile sind wieder zwei bis drei Wochen vergangen, in denen die Eltern überwiegend im Homeoffice verbracht haben und nun stehen weitere Wochen Heimunterricht an: Ich kann mir gut vorstellen, dass zumindest einige Eltern ihren Familienalltag mittlerweile als stressiger und belastender beschreiben würden als zu Beginn der Schulschließung.

Video-Interview mit Axinja Hachfeld

https://youtu.be/15qqp2QFXVs

Ausgewählte Fragen beantwortet die Bildungsforscherin Axinja Hachfeld im Video-Interview.

 

Von welchen Faktoren hängt ein erfolgreiches Homeschooling ab? Was funktioniert bereits gut in der Praxis, wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Neben individuellen Voraussetzungen auf Seiten der Kinder kommen auch verschiedene Wohn- und Lebenssituationen hinzu sowie die derzeitige Arbeitssituation der Eltern. Analysen mit dem Sozioökonomischen Panel konnten zeigen, dass Kinder, die leistungsstärker sind, auch häufiger motivierter sind, etwas für die Schule zu tun und die Schule an sich auch als sinnvoller wahrnehmen. Diesen Kindern wird auch der Heimunterricht einfacher fallen. Wir müssen unseren Blick also eher auf die Kinder legen, die vorher schon Schwierigkeiten hatten.

Was funktioniert gut: Das ist pauschal natürlich schwer zu beantworten. Laut unserer Umfrage bewerteten die Eltern die Kommunikation mit den Lehrkräften als sehr positiv; wobei wir auch hier über die Ergebnisse überrascht waren. Die Hälfte der Lehrkräfte verwendeten z. B. keine Lernplattform und mehr als drei Viertel der Eltern hatte nie Kontakt per Telefon oder per Nachrichtendienst. Die Kommunikation fand überwiegend per E-Mail statt – ein Medium, von dem wir wissen, dass es nicht von allen Eltern gleichermaßen genutzt wird und auch die Kinder außen vorlässt. Verbesserungspotenzial sehe ich daher durchaus in der systematischen Kommunikation und in der individuellen Förderung für Kinder, die diese benötigen. Allerdings spielen hier auch die Ressourcen der Lehrkräfte eine wichtige Rolle.
 

Welche Empfehlungen können Sie für die kommenden Wochen im Hinblick auf den weiteren Unterricht zuhause aussprechen?

Ich würde mir wünschen, dass die Politik diese Situation als Chance begreift, um mit den Schulen im Detail zu besprechen, was für die nachhaltige Umsetzung von Digitalisierung und Individualisierung benötigt wird. Langfristig müssen Personalressourcen zur Verfügung stehen, die sich hierfür auch verantwortlich fühlen. Es können nicht ständig neue Aufgaben auf die Lehrkräfte hinzukommen. Für den technischen Support im Rahmen der Digitalisierung braucht es nachhaltige Lösungen, ebenso für die Förderung von leistungsschwachen Kindern – z. B. durch Lerntherapeutinnen und -therapeuten. Eltern und Lehrkräften würde ich empfehlen, weiterhin im persönlichen Kontakt zu bleiben und Lehrkräften, auch den Kontakt mit den Kindern zu suchen. Ich halte es nicht für realistisch, dass die Familien zuhause selbstständig neuen Lernstoff erarbeiten können. Vielleicht besteht aber die Möglichkeit, dass die Kinder in den Bereichen arbeiten können, bei denen sie Gefahr laufen, sonst stark nachzulassen. Dies gilt insbesondere für die Kinder in den niedrigeren Klassenstufen. Ansonsten wünsche ich allen Familien Gelassenheit. Eltern können diese Zeit nutzen, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, gemeinsame Aktivitäten als Familie zu machen, zusammen zu kochen oder Spiele zu spielen – denn all das ist auch Lernen.

In einer Interviewreihe informieren Expertinnen und Experten der Universität Konstanz aus verschiedenen Fachbereichen sowie ihres Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ über aktuelle Fragestellungen in Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus.

Prof. Dr. Axinja Hachfeld und Dr. Tullia Giersberg

Von Prof. Dr. Axinja Hachfeld und Dr. Tullia Giersberg - 22.04.2020