Europas Selbstbild im Wandel

Wie erzählt sich ein kulturelles und geopolitisches Gebilde wie Europa neu, seit es nicht mehr im Zentrum der Macht steht? Verschiedene Aspekte zu dieser Frage, beispielsweise europäische Unabhängigkeitsbewegungen und das Europabild der Neuen Rechten, erforscht das Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ an der Universität Konstanz.

Ob Ukraine, Israel oder in der Sahelzone: In den Verhandlungen über große Konflikte sitzen die Staaten Europas oft nicht mehr mit am Tisch – oder nur mehr am Katzentisch. Viele politische, wirtschaftliche und kulturelle Beispiele unserer Zeit zeigen, dass sich die globalen Machtzentren verschieben – weg von Europa. Mit veränderten politischen Machtverhältnissen gewinnen auch andere Stimmen und neue Perspektiven an Bedeutung, während philosophische und kulturelle Sichtweisen aus Europa nicht länger als Maßstab der Welt gelten. Dies betrifft längst auch herrschende Vorstellungen von Geschichte und Geografie.

Das Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ an der Universität Konstanz untersucht seit gut einem Jahr, wie sich das Selbstverständnis Europas verändert, seit der Kontinent seine Vormachtstellung verloren hat. Seit Oktober 2024 forschen zwölf Promovierende und ein Postdoc an dem interdisziplinär ausgerichteten Graduiertenkolleg, das zunächst über fünf Jahre läuft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert es mit 5 Millionen Euro. Beteiligt sind die Fachbereiche Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften, Geschichte und Soziologie, Politik und Verwaltung sowie die Rechtswissenschaft. Sprecher ist Albrecht Koschorke, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Ab Herbst 2026 wird Kirsten Mahlke, Professorin für Kulturtheorie und kulturwissenschaftliche Methoden, das Amt übernehmen.

Im Mittelpunkt der Forschungsarbeiten im Kolleg steht die Frage, wie Europa sich selbst erzählt. „Narrative sind sehr mächtig, sie können Gesellschaften prägen, deren Geschichtsverständnis und selbst den Alltag“, erklärt Philipp Lammers, der das Graduiertenkolleg koordiniert. 

„Uns geht es um das Zusammenspiel von Erzählungen und Institutionen – welche Erzählungen, auch über Europa, haben sich festgesetzt und harte Realitäten geschaffen? Welche anderen Erzählungen gibt es? Und welche könnte es noch geben?“

Philipp Lammers, Koordinator des Graduiertenkollegs

Europa und die Neue Rechte
In ihrem Promotionsprojekt untersucht die Literaturwissenschaftlerin Sara Kimmich, wie Europa in der rechtsextremen Szene begriffen wird und wie entworfen wird, wie die Neue Rechte Europa definiert. Dies analysiert sie anhand von fiktionaler Literatur, meist ziemlich junger Werke ab den 1990er Jahren bis in die Gegenwart. „Die Analyse der Literatur verknüpfe ich dann mit theoretischen und strategischen Texten der Neuen Rechten – darunter zum Beispiel Zeitungsartikel aus neurechten Zeitungen oder Onlineforen, Interviews, Rezensionen, mittlerweile auch relativ viele Podcasts und Videos. Dies dient mir als Hintergrund, um dann aus der Literatur die neurechten Europabilder herauszufiltern“, sagt die Germanistin.

Anders, als man vielleicht erwarten würde, nimmt die Neue Rechte keine strikte bzw. einheitliche Gegenposition zu Europa ein, wie Kimmich feststellt: „Bei der Neuen Rechten wird das Thema Europa immer wichtiger, umso mehr, je jünger die Personen sind. Da lassen sich wirklich interessante Tendenzen erkennen, die sich immer mehr von einem nationalistischen Europa abwenden und eher auf ein geeintes Europa zustreben.“ Manche Entwicklungen erscheinen indes zunächst widersprüchlich, so fährt sie fort:

„Während man in verschiedenen Punkten eine zunehmende Radikalisierung der Neuen Rechten beobachten kann, werden schon seit längerem Berührungsängste mit linken Themen abgebaut, was vielleicht viele nicht erwarten.“

Literaturwissenschaftlerin Sara Kimmich

In gewisser Weise stellt ihr Forschungsprojekt einen Gegenpol dar, was das Thema des Graduiertenkollegs betrifft. „Mein Projekt widmet sich zwar auch der Zukunft Europas und zeigt eine politische Landschaft im Umbruch. Aber an der Überwindung des Eurozentrismus ist die Neue Rechte nicht orientiert. Sie will Europa an der Spitze sehen.“ Doch auch dies ist eine Erkenntnis, die zu einem Selbstbild Europas gehört.

Gängige Forschungspositionen zu hinterfragen, historische Perspektiven nicht zu kurz kommen zu lassen und die Länder am Rande Europas zu berücksichtigen, all dies schließt das Programm des Graduiertenkollegs mit ein. So erklärt Lammers: „Sobald globale Machtverhältnisse sich verändern, lassen sich auch andere Geschichten erzählen: Was ist mit den vermeintlichen Peripherien – Randbereichen – Europas, mit den Ländern, Gesellschaften und Regionen, die nie global dominant waren? Europa war ja nie eine feste, einheitliche Idee und niemand weiß, wo dieser Kontinent beginnt und endet – unser Graduiertenkolleg widmet sich auch der Heterogenität Europas.“

© Privat

Das Graduiertenkolleg machte 2025 eine Exkursion zur Europäischen Kommission nach Brüssel, um sich mit leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszutauschen. 
 

Unabhängigkeit dank Europa?
In solch einer Randzone Europas liegt die Insel Korsika. Teile der Bevölkerung Korsikas streben Autonomie von Frankreich bis hin zur kompletten Unabhängigkeit an. Diese Unabhängigkeitsbewegungen untersucht die Anthropologin Julia Pitzalis, auch in Verbindung mit anderen europäischen Unabhängigkeitsbewegungen, etwa des Baskenlands gegenüber Spanien: „Die Unabhängigkeitsbewegungen auf Inseln wie Korsika bzw. in Regionen wie dem Baskenland betrachten sich als kolonialisiert und argumentieren, dass sie alle mit denselben Problemen konfrontiert seien. Indem sie sich vereinen, meinen sie, besser gegen die – wie sie es nennen – Kolonialmacht kämpfen zu können.“ Oft suchen diese Bewegungen aktiv die Verbindung zu Europa. „Europa ist für sie Teil des Plans. Denn wenn sie erst einmal unabhängig sind, können sie nicht gut in Isolation weiterbestehen“, sagt Pitzalis.

Die empirischen Daten für ihre Analyse erhält Pitzalis weitgehend durch ihre Feldforschung. Vergangenen Sommer verbrachte sie vier Monate in teilnehmender Beobachtung auf Korsika und nahm dort unter anderem an den Ghjurnate Internaziunale teil. Dies ist eine seit den 1980er Jahren bestehende internationale Großversammlung von Unabhängigkeitsbewegungen. „Das heißt, dass ich bei der Versammlung selbst mitmache und viel beobachte, was passiert und was diskutiert wird und welchen Argumenten in den politischen Debatten besondere Bedeutung beigemessen wird. Dies wiederum setze ich in Bezug zur Forschungsliteratur“, erklärt die Anthropologin ihre Methode. Auch bei ihr spielt die Geschichte hinein, zumal sie oft von ihren korsischen GesprächspartnerInnen angeführt wird.

„Ich interessiere mich dafür, wie die Menschen die Geschichte ihrer Insel erzählen – aus eigener Erfahrung, basierend auf Erinnerungen ihrer Familie und ihren eigenen Nachforschungen. Dies bringe ich mit meiner eigenen historischen Forschung auf Korsika zusammen.“

Anthropologin Julia Pitzalis

Einen Blick auf Europa von innen und außen zu werfen, das gewährleistet nicht nur die Zusammensetzung der Promovierenden – neben deutschen eben auch Forschende etwa aus Russland, China, Ägypten und Bangladesch. Dabei unterstützen auch Kooperationen mit internationalen Partnerinstitutionen, wie etwa der University of Cape Town und der University of Pretoria in Südafrika, der indischen Jawaharlal Nehru University, der US-amerikanischen Columbia University, der Universidad Nacional Autónoma de México und dem Orient-Institut Istanbul.

Copyright Headerbild: Wikimedia Commons, Nicoguaro, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license, no changes
Copyright Zitatbilder von Kimmich und Lammers: Jeweils privat
Copyright Zitatbild von Pitzalis: Universität Konstanz, Marion Voigtmann

Marion Voigtmann

Von Marion Voigtmann - 29.01.2026