Wieso gibt es Mülltrennung?

Lieber Klasse 8c,
Ihr habt eine spannende Frage gestellt. Auf Euren Reisen habt Ihr vielleicht schon bemerkt, dass es nicht überall eine vergleichbare Mülltrennung gibt wie bei uns in Deutschland und der Schweiz.
Wie alles angefangen hat
Eigentlich gab es Müll- oder besser Abfalltrennung schon immer, seit es Menschen gibt, nur nannte man sie noch nicht so. In der Geschichte der Menschen war die Herstellung von Rohstoffen wie Glas, Kupfer, Bronze, Eisen, Baum- oder Schafwolle, Papier, Ton und Holz und von Produkten daraus wie Flaschen, Töpfe, Messer, Bücher, Bausteine und Möbel mit mühevoller Arbeit verbunden. Deswegen waren die meisten Produkte und deren Rohstoffe sehr wertvoll und man achtete sorgsam auf sie.
Wenn etwas kaputt ging, wurde es repariert. Wenn es nicht mehr repariert werden konnte, nutzte man den Rohstoff noch und verkaufte diesen. Keiner kam auf die Idee ein noch brauchbares Hemd, einen funktionierenden Stuhl, einen kaputten Topf oder gar ein Buch einfach wegzuwerfen.
Wie die Industrialisierung unser Verhältnis zu Müll änderte
Das begann sich erst mit der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren zu ändern, als die fossilen Energien wie Kohle, Erdöl und Erdgas in großen Mengen verfügbar wurden. Mit den neu erfundenen Maschinen und der günstigen Energie konnte man jetzt viel einfacher und auch billiger Rohstoffe und Produkte herstellen.
Ein Beispiel: Im Mittelalter musste ein Arbeiter für ein einfaches Hemd noch sechs bis acht Tage lang arbeiten, heute vielleicht noch ein oder zwei Stunden oder weniger. Ähnlich hat es sich bei vielen Produkten entwickelt. Verpackungen gab es früher sowieso kaum, man nutzte wiederverwendbare Körbe, Fässer, Gläser oder Tontöpfe zum Transport und Aufbewahren.
Vor allem nach Ende des zweiten Weltkrieges, also nach dem Jahr 1945, wurden Rohstoffe sowie Produkte und Verpackungen immer billiger. Die Menschen in Deutschland verloren das Interesse am Reparieren und Wiederverwenden der Produkte und Rohstoffe. Sie fingen an, vieles und viel mehr auf den Müll zu verwerfen, weil ja neue Dinge viel schöner, praktischer und billiger waren als alte.
Wer von Euch hat nicht lieber ein neues Handy, neue Turnschuhe und ein neues Fahrrad? Die Städte und Dörfer hatten zwar schon eine Müllabfuhr, damit es nicht zu Krankheiten und Gestank in der Stadt kommt, aber auf Mülltrennung waren sie nicht vorbereitet.
Müllberge, verschmutzte Flüsse und viel Gestank
Der Müll wurde auf große Abfallberge – Deponien – geworfen. Große stinkende Mülldeponien aus dieser Zeit kennen Eure Eltern sicher noch. Diese Müllberge verursachten aber nun Probleme, an die bis dahin noch keiner gedacht hatte. Sie verschmutzen das Grund- und Trinkwasser, die Bäche, Flüsse und Seen. In den Deponien entstanden aus dem Abfall und durch Bakterien große Mengen an Biogas, das in die Atmosphäre entwich.
© Miroslav Gecovic, Pixabay
Außerdem stanken diese Deponien fürchterlich. Das entweichende Biogas ist ein Treibhausgas, das stark zum Klimawandel und Temperaturanstieg beiträgt. Stellt Euch mal vor: Noch heute stoßen alle Deponien auf der Welt etwa genauso viel Treibhausgas aus wie alle Flugzeuge zusammen. Überall in unserem Land gibt es noch die alten Müllberge, nur sind jetzt abgedeckt.
Keiner wollte diese Müllberge und auch keine Anlagen, in denen Abfall verbrannt wurde, in seiner Nähe haben. Viele Menschen bekamen Angst, weil darüber berichtet wurde, das aus diesen Anlagen damals Gifte freigesetzt wurden. Es wurde immer schwieriger noch freie Plätze für neue Abfallberge zu finden. Die Menschen riefen: „NIMBY!“ – Not In My Backyard, das heißt übersetzt, baut die Deponien und Müllverbrennungsanlagen irgendwo, aber nicht in meiner Nähe.
Etwa zeitgleich erinnerten sich die Menschen wieder daran, dass in so einem Müll viele Rohstoffe stecken, die wir eigentlich gut gebrauchen können.
Wie aus Müll neue Energie werden kann
Jetzt erinnerten sich die Menschen wieder: Was lag näher als die Wiederverwertung von diesen Stoffen? Wenn wir aus einem alten Stoff einen neuen Stoff gleicher Art machen, nennen wir das Recycling: Papierabfall wird wieder zu Papier, Altglas zur Glasflasche, Bioabfall zu Kompost, Plastikabfall zu neuen Flaschen, altes Fahrrad zu neuem Fahrrad, usw. Forscher stellten dann aber fest, dass wir dazu Mülltrennung benötigen, da diese hilft, saubere Stoffe herzustellen.
Nach der Mülltrennung gibt es dann noch komplizierte Prozesse wie Sortieren, Säubern und Trennen, die in großen Anlagen stattfinden. Und wenn man Müll – wie unseren Restmüll in der schwarzen Tonne – gar nicht mehr sortieren kann, dann kann man ihn heute verbrennen – ohne dass dabei Giftstoffe freigesetzt werden. Die entstehende Energie kann man als Strom und Wärme nutzen.
So entstand etwa zwischen 1980 und heute das System der Mülltrennung, des Recyclings und der Verwertung in Heizkraftwerken mit Abfallbrennstoff. Es dürfen heute in Deutschland und der Schweiz nur noch Abfälle auf die Deponie, die kein Treibhausgas mehr freisetzen. Diese neuen Deponien sind kleiner und weniger gefährlich als früher. Das neue System, in dem sehr viele Stoffe quasi im Stoffkreislauf zirkulieren und zur Industrie zurückfließen, nennen wir Kreislaufwirtschaft.
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Ist heute alles gut?
Das war (fast) meine kleine Geschichte zur Mülltrennung. Aber es bleibt doch noch eine wichtige Frage: Reicht es mit der Mülltrennung und können wir jetzt zufrieden sein? Viele Menschen und auch Politiker denken: „Ja, so ist es jetzt gut.“ Die meisten Experten sind aber der Meinung: „Nein, wir müssen noch viel weiterkommen.“
Wir wollen wieder viel mehr Produkte herstellen und kaufen können, die man ganz lange nutzen und reparieren kann. Wenn man diese irgendwann nicht mehr reparieren kann, sollen sie vollständig recycelt werden und zu neuen guten Produkten werden. Dann zerstören wir immer weniger Natur, sind weniger abhängig von anderen Ländern mit Rohstoffen und Energie.
Wie ihr an einer besseren Welt mitarbeiten könnt
Zudem brauchen wir noch weniger ungeliebte Deponien. Gleichzeitig setzen wir immer weniger Gase frei und tragen so zum Klimaschutz bei. An dieser besseren Welt könnt Ihr heute schon mitarbeiten, in dem Ihr Euch gut überlegt, was Ihr kauft, gebrauchte Gegenstände nutzt und selbst reparieren lernt. Ich bin mir sicher: Den Müll trennt Ihr ja sowieso ordentlich und schreitet ein, wenn Mama oder Papa wieder mal dabei schlampern. Wenn Ihr weitere Fragen habt, schreibt mich an.
Prof. Dr.-Ing. Joachim Dach lehrt Umwelttechnik und Kreislaufwirtschaft an der HTWG Konstanz. Er ist Umwelt- und Wirtschaftsingenieur und hat viele Anlagen für Abfallbehandlung und Recycling gebaut. Weiterhin ist er Vater von drei Söhnen, die alle auf das Ellenrieder Gymnasium gegangen sind. Kontakt: jdach@htwg-konstanz.de


