Wenn Freiheit in Gefahr ist

„Manchmal schoss das Militär in meiner Wohngegend und ich wusste nicht, ob ich es war, nach dem sie suchten.“ – Der Menschenrechtsaktivist Nickey Diamond geriet durch den Militärputsch in Myanmar in Lebensgefahr. Jetzt ist er Doktorand im Fach Ethnologie an der Universität Konstanz und der erste Stipendiat des Hilde Domin-Programmes „Students at Risk“.

© Bild: privat

Er war beim Camping, als der Militärputsch in Myanmar begann. Ein paar Tage mit seiner Familie in der Natur, einmal raus aus der Stadt Yangon, etwas Luft schnappen vom Alltag. Als die ersten Nachrichten von dem Putsch eintrafen, war er noch optimistisch, fühlte sich verhältnismäßig normal. „Putsch 2.0“ nannte er die Situation anfangs noch: Zwar ein Militärputsch, doch an jenem 1. Februar 2021 überraschenderweise zunächst unblutig, wie eine neue, gewaltlosere Form des Umsturzes. Eben anders als noch beim Militärputsch von 1962 in Myanmar oder den Aufständen von 1988 und 2007, die jeweils vom Militär blutig niedergeschlagen wurden. Er hegte die Hoffnung, dass der Putsch diesmal anders verlaufen könnte, ohne Blutvergießen. Wenige Wochen später änderte sich die Situation, als die Tötungen begannen. Als Menschen über Nacht verschwanden und Videos von Gräueltaten die Runde machten.

„Nie zuvor habe ich in meinem Leben einen solchen Terror gesehen, der von staatlichen Sicherheitskräften ausgeübt würde. Das war kein Putsch 2.0. Das Militär hatte sich nicht verändert, es handelte genau wie in der Vergangenheit.“

Nickey Diamond

Er, das ist Nickey Diamond, einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten in Myanmar. Weil er bereits seit Jahren für die Menschenrechtsorganisation „Fortify Rights“ staatliche und militärische Übergriffe gegen ethnische Minderheiten in Myanmar dokumentierte und öffentlich anprangerte, geriet er auf die Abschussliste des Militärs. In Folge des Putsches mussten er und seine Familie das Land verlassen. Über das Hilde Domin-Programm „Students at Risk“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sowie mit Unterstützung der Konstanzer Ethnologin Prof. Dr. Judith Beyer kam er an die Universität Konstanz. Im Konstanzer Forschungsumfeld schreibt er seine Doktorarbeit und setzt sein Engagement gegen den Militärputsch in Myanmar fort.

„Mit einem Putsch in Myanmar hatte ich nicht gerechnet, weil das Militär eigentlich bereits durch die Verfassung bekommen hat, was es wollte: Die Verfassung wurde von dem Militärregime aufgesetzt. Sie sichert dem Militär 25 Prozent der Sitze im Parlament zu. Zudem kontrolliert es die drei wichtigsten Ministerien des Landes. Das Militär hatte bereits genügend Macht durch die Verfassung.“

Nickey Diamond

© Bild: Ulrike Sommer

„Wenn Menschen und  Menschenrechte in Gefahr sind, ist es auch Pflicht der Universitäten zu helfen, wenn es in ihren Möglichkeiten steht. Das Hilde Domin-Programm des DAAD eröffnet dankenswerterweise eine solche Möglichkeit, und wir sind stolz, Nickey Diamond auf diese Weise Schutz und die Gelegenheit zur Promotion bieten zu können. Herzlich willkommen, Nickey Diamond, an der Universität Konstanz.“

Prof. Dr. Katharina Holzinger, Rektorin der Universität Konstanz
 

„Use your liberty to promote ours“
In der Hoffnung auf einen friedlichen Umsturz blieb Nickey Diamond in den ersten Wochen nach dem Putsch zunächst noch im Land, selbst als die Tötungen Ende Februar 2021 begannen. Er half bei der Organisation der Proteste, sammelte Informationen und Videos von Vorfällen, gab diese weiter. Er druckte Flugblätter für Menschen, die keinen Zugang zu Social Media-Kanälen hatten. „Wir versuchten, so gut wir konnten, Informationen zusammenzustellen und zu teilen, um die Proteste gegen den Putsch voranzutreiben“, so Diamond. Er nutzte seine Bekanntheit, um das Militärregime täglich öffentlich zu kritisieren, „bis zum heutigen Tag“, wie er betont. Nickey Diamond zählte bereits damals zu den bekanntesten Stimmen für Menschenrechte in Myanmar. Er bezeichnet sich selbst als „genereller Verteidiger der Menschenrechte“. Er bezieht nicht einseitig Position für eine bestimmte Gruppierung, sondern setzt sich über alle Ethnien und politischen Überzeugungen hinweg für Menschenrechte ein. Das brachte ihm Respekt ein.

„Durch seine internationalen Kontakte und seine Arbeit für die NGO ‚Fortify Rights‘ war er in gewisser Weise geschützt, auch wenn dem Militär nicht gefiel, was er tat.“

Judith Beyer

Nickey Diamond konnte seine Stimme erheben, wo andere eine Verhaftung oder Schlimmeres befürchten mussten.

„Von Aung San Suu Kyi stammen die Worte: 'Use your liberty to promote ours'. (‚Nutze deine Freiheit, um unsere zu fördern.‘). Ich kritisiere sie in meiner Arbeit, aber hier folge ich ihr: Ich habe eine gewisse Freiheit und ich nutze sie, um die Menschenrechte in Myanmar zu verteidigen.“

Nickey Diamond.

Doch die Angst blieb. „Manchmal schoss das Militär in meiner Wohngegend und ich wusste nicht, ob ich es war, nach dem sie suchten“, erzählt Diamond. „Ich lebte ständig mit dem Gefühl, ich könnte das nächste Ziel sein.“

„Manchmal schickte das Militär die gefolterten Körper der Verhafteten am nächsten Tag zurück zu ihren Familien, um Angst zu schüren.“

Nickey Diamond

Die Bilder und Videos von Folter und Mord, die er gesehen hat, beschreibt Diamond als traumatisch.
 
Vorwarnungen und Flucht
Immer wieder erreichten ihn Vorwarnungen, er müsse kurzfristig verschwinden, für ein paar Tage besser woanders leben. „Es war ein ständiges Hin und Her.“ Bis er schließlich eine unmissverständliche Warnung erhielt.

„Ich wurde vorgewarnt, ich sollte besser meine Wohnung so schnell wie möglich verlassen und an einen sicheren Ort gehen. Wenn ich vom Militär gesehen und verhaftet würde, könnte ich gefoltert und ermordet werden.“

Nickey Diamond

Noch am selben Tag flohen Nickey Diamond und seine Familie aus ihrer Wohnung in Yangon.

„Als ich von ihm die Nachricht erhielt, dass er nach einem Weg aus dem Land sucht, wusste ich, dass die Lage ernst war. Nickey bat sonst niemals um Hilfe. Wir hatten großes Glück, dass der DAAD das neue Hilde Domin-Programm ‚Students at Risk‘ aufsetzte. Nickey passte perfekt in dieses Programm. Er ist nun dessen erster Stipendiat.“

Judith Beyer

In Konstanz
„Wir freuen uns sehr, dass Nickey zu uns an die Universität Konstanz gekommen ist. Er kam an genau den richtigen Ort“, bekräftigt Judith Beyer. „Wir haben hier an der Universität Konstanz unter anderem einen Forschungsfokus auf der Anthropologie des Aktivismus. In unserem wissenschaftlichen Ansatz untersuchen wir Aktivismus als Forschungsgegenstand. Unsere Ergebnisse kommunizieren wir nicht nur der scientific community, sondern auch der breiten Öffentlichkeit und setzen uns so auch aktiv für die Friedens- und Demokratiebewegungen ein.“
 
Eine Doppelrolle, die in der Wissenschaft ungewöhnlich ist.

„Normalerweise wird dies in der Wissenschaft strenger voneinander getrennt. Doch wenn man Aktivismus anthropologisch erforscht, ist das oft nicht möglich. Wenn man so eng mit den betroffenen Menschen in Krisenregionen zusammenarbeitet, ihre Lebenssituation mit ihnen teilt, kann man nicht neutral bleiben. Wir müssen unsere Doppelrolle daher ständig reflektieren und unsere eigene Position stets hinterfragen. Die Herausforderung ist, dabei die richtige Balance zu finden.“

Judith Beyer

Ihre eigene Forschung ist stark vom Militärputsch in Myanmar betroffen. Seit Jahren arbeitet Judith Beyer in mehreren Forschungsprojekten vor Ort in Myanmar, baute ein Netzwerk an Kontakten auf – und nicht zuletzt auch Freundschaften –, initiierte mit dem International Office der Universität Konstanz sogar ein Austauschprogramm für Studierende.

„All das liegt nun brach. Alle wissenschaftlichen Kontakte nach Myanmar rissen durch den Putsch ab. Es wird immer schwerer, die Menschen zu erreichen. In unserer Arbeitsgruppe haben wir den Weg gewählt, mit dieser für uns persönlich sehr schwierigen Situation umzugehen, indem wir viel Medien- und Informationsarbeit zur Situation in Myanmar betreiben.“

Judith Beyer

Die Stimme von Nickey Diamond, der in Konstanz genau wie sie wissenschaftliche Arbeit mit politischem Engagement für Myanmar verbindet, kommt nun zu den ihren hinzu. Seine Doktorarbeit wird er zum Thema „Antimuslimische Hassreden in Myanmar“ verfassen. In Konstanz hat er wieder die Möglichkeit gefunden, frei zu sprechen und sich für die Freiheit anderer einzusetzen – wenn auch aus der Ferne. Er möchte den Menschen in Myanmar helfen, den Putsch zu beenden, und Auswege aus der Krise aufzeigen.

© Bild: Dr. Jürgen Graf

Prof. Dr. Judith Beyer, Ethnologin an der Universität Konstanz, und Nickey Diamond.

Dr. Jürgen Graf

Von Dr. Jürgen Graf - 28.07.2021