Brett, Spiel und Forschung

Verein „Spiel des Jahres“ richtet zwei Promotionsstellen zur Erforschung des Kulturguts Spiel an der Universität Konstanz ein.

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„Brettspiele haben sich in den letzten Jahrzehnten drastisch weiterentwickelt. Trotzdem ist diese Spielegattung bisher erstaunlich unter dem Radar der akademischen Forschung durchgeflogen“, schildert der Konstanzer Kunstwissenschaftler und Spieleforscher Prof. Dr. Steffen Bogen. Der Verein „Spiel des Jahres“ stellt seit dem 1. Dezember 2021 zwei Promotionsstellen an der Universität Konstanz zur Verfügung, um das Kulturgut Spiel zu erforschen. Die Theaterwissenschaftlerin Sarah Klöfer und der Historiker Valentin Köberlein untersuchen mit dieser Förderung die Entwicklung des deutschen Brettspielmarkts in den vergangenen 50 Jahren, die gesellschaftliche Wirkung des Spiels sowie die höchst durchlässige Grenze zwischen Spiel und Realität.
 

Im Podcast: Wie sie das Spielen erforschen, schildern Sarah Klöfer und Valentin Köberlein im Gespräch mit dem Verein „Spiel des Jahres“: Gesellschaft spielen


 
Jährlich rund 1.000 neue Spiele erscheinen jeden Herbst auf der Brettspielmesse SPIEL. Nicht nur diese Zahlen unterstreichen: Das Brettspiel ist in den vergangenen Jahrzehnten salonfähig geworden. Seinem Ruf als Kinderzeitvertreib ist es längst entwachsen und mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Spieleabende sind ein beliebter gesellschaftlicher Rahmen, unter Erwachsenen ebenso wie für Familien. Gleichzeitig hat das Brettspiel in den vergangenen fünfzig Jahren einen gewaltigen Entwicklungsschritt getan: Unsere heutigen Brettspiele sind spielerisch ausgefeilter und thematisch ausdrucksvoller geworden.
© Bild: Jürgen Graf

Sarah Klöfer und Valentin Köberlein beim Brettspiel.


Mit den beiden Stellen des Vereins „Spiel des Jahres“ wird die Entwicklung des Brettspielmarkts und der Brettspielkultur in den vergangenen 50 Jahren erforscht. Die beiden Promotionsstellen sind in das kulturwissenschaftliche Forschungsumfeld der Universität Konstanz eingebettet. In Konstanz formiert sich augenblicklich ein fachübergreifender Forschungsverbund, der sich mit dem Thema „Serious Gaming“ auseinandersetzt – der Frage nach den wechselseitigen Einflüssen zwischen Spiel und gesellschaftlichen Praktiken. Dies umfasst unter anderem das Game Lab der Universität Konstanz sowie Forschungsprojekte zu Brettspielen, digitalen Spielen sowie der Kulturgeschichte des Spielens. Die Promotionsprojekte werden betreut von Prof. Dr. Steffen Bogen, Kunstwissenschaftler und Spieleautor („Camel Up“, „Schnappt Hubi!“), von der Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Beate Ochsner sowie der Historikerin Prof. Dr. Anne Kwaschik.
 

„Der Verein Spiel des Jahres hat es sich zur Aufgabe gesetzt, das Kulturgut Spiel in der Gesellschaft und Familie zu fördern. Dazu gehört ganz klar auch eine akademische Beschäftigung mit der jüngsten Geschichte dieses Phänomens. Die Jury hat durch ihre Auszeichnungen die Entwicklung des Mediums Spiel in den vergangenen 40 Jahren mit beeinflusst. Durch die Promotionsstellen hoffen wir, die Grundlagen für eine weitergehende Wissensgeschichte des Spiels zu legen.“

Guido Heinecke, Geschäftsführer des Vereins Spiel des Jahres

 
Promotionsprojekt von Sarah Klöfer: „Das Brettspiel als Influencer:in“
© Bild: Dennis Poser

Sarah Klöfer ist Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin. In ihrem Promotionsprojekt fragt sie nach den Grenzen und Verbindungen zwischen Spiel und Realität. Wenn Menschen spielen, treten sie in gewisser Weise aus ihrem Alltag und dessen sozialen Normen heraus: In jedem Spiel entsteht gewissermaßen eine eigene Welt mit ihren eigenen Regeln und Verhaltensweisen. Sarah Klöfer stellt die Frage: In welchem Verhältnis steht diese spielerische Wirklichkeit zu unserer gesellschaftlichen Realität? Kann das Spielen unsere sozialen Strukturen beeinflussen? Anhand der prämierten Titel des Kritikerpreises „Spiel des Jahres“ untersucht Sarah Klöfer, wie sich gesellschaftliche Veränderungen in den Regeln und am Wortgebrauch von Brettspielen ablesen lassen – und wie wiederum Spiele einen Einfluss auf Mensch und Gesellschaft haben.
 
Promotionsprojekt von Valentin Köberlein: „Gesellschaft spielen. Identitäts- und Realitätsveränderungen durch Gesellschaftsspiele"
© Bild: Valentin Köberlein

Valentin Köberlein ist Historiker und war neben seiner wissenschaftlichen Laufbahn im Archiv und der Redaktion des Spieleverlags Ravensburger tätig. In seinem Promotionsprojekt untersucht er die Geschichte moderner Gesellschaftsspiele und die Entwicklung des deutschen Brettspielmarkts mit besonderem Fokus auf die prämierten Titel des Preises „Spiel des Jahres“. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung stehen die Wechselwirkungen zwischen den Spielenden, dem Spielmaterial und seinen Regeln sowie der Spielekritik in Medien und Fachwelt. Eine Leitfrage seines Projekts ist, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in der Erlebniswelt des Spiels widerspiegeln.
 
„Die Universität Konstanz ist ein ausgezeichneter kulturwissenschaftlicher Standort und legte ein sehr überzeugendes Konzept für unser Fördervorhaben vor. Die interdisziplinäre Arbeitsweise ist ein starker Vorteil für diesen Themenbereich“, begründet Guido Heinecke die Auswahl der beiden Promotionsprojekte für die Promotionsstellen des Vereins „Spiel des Jahres“.

Dr. Jürgen Graf

Von Dr. Jürgen Graf - 16.12.2021