Die unerträgliche Schönheit des Instabilen

Wahrnehmungspsychologen der Universität Konstanz erforschen den Zusammenhang zwischen visueller Instabilität und unserer ästhetischen Wahrnehmung

© K.O. Götz und Rissa-Stiftung

Wie gut uns ein Bild in der Kunst gefällt, ist mehr als reine Geschmackssache. Bestimmte Bildverhältnisse und geometrische Formen der Bildkomposition ziehen uns unwillkürlich an, andere Formen der Bildanordnung können durchaus auch grundsätzlich beunruhigend auf uns wirken. Die Wahrnehmungspsychologen Prof. Dr. Ronald Hübner und Dr. Martin Fillinger an der Universität Konstanz untersuchten in einer aktuellen Studie, welche Auswirkungen eine visuelle Instabilität in der Bildkomposition auf unser Wahrnehmungsempfinden hat – also Bildmotive, die ungeordnet und unruhig erscheinen, die optisch zu kippen drohen oder unsymmetrisch angelegt sind. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass es zwei Arten der wahrgenommenen Instabilität gibt, manchmal sogar innerhalb desselben Bildes. Einerseits eine gravitationale Instabilität, die auf Betrachterinnen und Betrachter grundlegend eher beunruhigend wirkt, andererseits eine dynamische Instabilität, die den Eindruck von Bewegung vermittelt, Emotion verstärkt und als positiv empfunden wird.“

- Dr. Martin Fillinger, Wahrnehmungspsychologe an der Universität Konstanz

Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Acta Psychologica veröffentlicht.

Zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen visueller Instabilität und unserer ästhetischen Wahrnehmung führten die Psychologen eine Studie mit insgesamt 180 Personen durch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer betrachteten hierin eine Serie von geometrischen Bildarrangements sowie von abstrakten Bildern des Informel-Künstlers Karl Otto Götz (1914-2017). Bei jedem der Bilder bewerteten sie nach einem einheitlichen Schema, wie gut ihnen die Bilder gefallen, wie balanciert und wie bildlich stabil sie ihnen erscheinen, wie bewegt sie sind und welchen Grad an Emotion sie zum Ausdruck bringen. Die Antworten zeigen deutliche Übereinstimmungen und Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Instabilität und der empfundenen Bildwirkung auf. In eher statischen und geometrischen Kompositionen wurde visuelle Instabilität durchgehend als negativ empfunden, in den bewegten, abstrakten Bildern von Karl Otto Götz wurde sie hingegen als positiv und dynamisch bewertet. Die Wahrnehmungspsychologen unterscheiden hier zwischen einer gravitationalen und einer dynamischen Instabilität.

Gravitationale Instabilität

„Gravitationale Instabilität hängt mit unserem Alltagsverständnis von mechanischer Stabilität zusammen“, erläutert Martin Fillinger. Wir übertragen unsere Vorstellung von Schwerkraft auf die Bildmotive – auch auf abstrakte – und reagieren eher negativ auf Motive, die nach unserem Schwerpunktempfinden in ihrem Arrangement zu „kippen“ drohen. „Unsere Alltagserfahrung hat uns gelehrt, dass instabile Konstruktionen gefährlich sein können“, so Fillinger. Das Konzept der gravitationalen Instabilität kommt insbesondere bei eher statischen Bildern zu tragen, die aus vielen einzelnen Elementen aufgebaut sind. Wenn diese Elemente nicht stabil arrangiert sind und optisch zu kippen drohen, sorgt diese Instabilität für eine beunruhigende Bildwirkung. Eine solche gravitationale Instabilität wird überwiegend als unangenehm empfunden und wurde von den Teilnehmenden der Studie durchgehend als nicht ästhetisch ansprechend bewertet.

© Universität Konstanz, Professur für Allgemeine Psychologie mit Schwerpunkt Kognitive Psychologie

Ein Beispiel für das Prinzip der gravitationalen Instabilität: Das linke Bild wird aufgrund der stabilen Ausrichtung als ansprechend empfunden, wohingegen das Gebilde im rechten Bild zu „kippen“ droht, was beunruhigend wirkt und deshalb von den Teilnehmenden der Studie als weniger ansprechend bewertet wurde.

Dynamische Instabilität

Anders sieht es hingegen bei besonders dynamischen Bildern aus, wie bei den abstrakten Gemälden von Karl Otto Götz: Hier wurden gerade die bewegten, instabileren Motive von den Teilnehmenden der Studie bevorzugt. Visuelle Instabilität wurde bei diesen Bildern durchgehend als positiv und mit einem hohen Grad an emotionalem Ausdruck bewertet. Ronald Hübner und Martin Fillinger gehen hier von einer dynamischen Instabilität aus, die in besonderem Maße Bewegung und Emotion impliziert. „Dynamik erweckt in uns positive Eindrücke und wird mit Passion, Lebendigkeit und Ausdruckskraft in Verbindung gebracht“, so Fillinger. „Interessanterweise stellten vorherige Studien denselben Effekt bei japanischer Kalligraphie fest: In dieser Schriftkunst werden gerade nicht visuell stabile Werke von den Betrachtern bevorzugt, sondern visuell instabile Werke mit einer starken Dynamik der Schrift präferiert.“

© K.O. Götz und Rissa-Stiftung

Bilder des Künstlers Karl Otto Götz als Beispiele für das Prinzip der dynamischen Instabilität: Das linke Bild wirkt relativ instabil. Aufgrund seiner hohen Dynamik wird es jedoch als ansprechend empfunden. Hingegen wirkt das rechte Bild wesentlich stabiler. Wegen der geringeren Dynamik wird es allerdings als weniger ästhetisch beurteilt.

Jürgen Graf

Von Jürgen Graf - 25.09.2020