Hoher Standard bedeutet hohe Frauenbeteiligung

Gleichstellung ist seit 30 Jahren an der Universität Konstanz institutionell verankert – Jubiläumsfilm würdigt die Protagonistinnen und Protagonisten

© Anne Emmert

Von 8 auf 28 Prozent in 30 Jahren – das ist die Entwicklung des weiblichen Anteils an den Professuren der Universität Konstanz. Das ist nicht schlecht, „und wir spielen damit bundesweit auch ganz oben mit“, wie Marion Woelki weiß. Für die Leiterin des Referats für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity ist es jedoch bei Weitem nicht genug. Wenn sie runterrechnet, bedeutet es im Schnitt in den drei Jahrzehnten nicht einmal ein Prozentpunkt pro Jahr.

Auch für Prof. Dr. Katharina Holzinger, die Rektorin der Universität Konstanz, ist hier noch Luft nach oben. 

© Ulrike Sommer | Ulrike Sommer

„Mein Wunsch wäre, den Professorinnen-Anteil bis 2030 auf 40 Prozent anzuheben,“

Rektorin Katharina Holzinger
sagt sie im Jubiläumsfilm zu 30 Jahren Gleichstellung an der Universität Konstanz, der nun als Ersatz für eine gemeinsame Feier – die sich nach einer Verschiebung aufgrund der Coronapandemie auch im aktuellen Jahr 2021 als nicht möglich erwiesen hat – mit einjähriger Verzögerung online gegangen ist. Im Jahr 1990 tagte zum ersten Mal der damalige Frauenrat, das Ur-Gremium zum heutigen Gleichstellungsrat. Vorsitzende war mit der Slawistin Prof. Dr. Renate Lachmann die erste Professorin der Universität Konstanz überhaupt.

Die Unzufriedenheit mit dem Erreichten, das sich deutschlandweit dennoch durchaus sehen lassen kann, ist nicht mangelndem Einsatz für die Sache geschuldet, im Gegenteil: Seit 1995 wechselten sich jährlich renommierte Professorinnen im damals neu eingeführten Amt der Frauenbeauftragten ab, das die Professorin Aleida Assmann als Erste übernahm. Jedes Jahr war geprägt von einer Persönlichkeit, die es verstand, den universitären Blick ein entscheidendes Stück weiter auf das Thema Chancengerechtigkeit zu lenken. Marion Woelki, die 1995 als Frauenreferentin auf den Gießberg-Campus kam, leistete tatkräftige Unterstützung. „Die Arbeit in den 1990er Jahren ist zwar vielseitig, mit den ersten Wiedereinstellungsstipendien, der Gründung des Kinderbetreuungsvereins Knirps und zahlreichen Gender Studies-Vortragsreihen, aber auch mühsam“, berichtet sie im Film.

https://www.youtube.com/watch?v=igtssu002-A

Vorneweg: Konstanz hat ein Standortnachteil, wenn es beispielsweise um die Dual Career-Wissenschaftspaare geht. Marion Woelki: „Professorinnen kommen nicht oder verlassen uns auch, weil ihre PartnerInnen bzw. ihre Lebensmittelpunkte in einer anderen Stadt sind. In Berlin oder im Ruhrgebiet mit einem guten Hochschulnetz könnten sie wunderbar zusammenleben. Hier gibt es keine Universität im näheren Umfeld, in die PartnerInnen und Partner unterkommen könnten. Dafür haben wir aber eine Dual Career-Kultur mit vielen Angeboten entwickelt.“ Dazu zählt auch die Familienfreundlichkeit der Universität. Die KollegInnen im Referat haben mehr als einmal von Nachwuchswissenschaftlerinnen gehört, sie wüssten das Angebot in Konstanz erst richtig zu schätzen, seit sie an einer anderen Universität seien.

Als Ausgleich umso wichtiger ist ebenfalls eine wertschätzende Willkommenskultur. Dazu gibt es Neuigkeiten: Gerade hat sich der frisch gegründete Professorinnen-Club auf Initiative der Professorinnen Ines Mergel und Julia Schüler, die amtierende bzw. designierte Gleichstellungsbeauftragte, zum ersten Mal getroffen, erst einmal online.

„Viele haben die tolle Initiative gelobt. Es war ein sehr vertrauensvoller Umgang miteinander, und es war genau richtig, solch ein Angebot zu machen.“

Marion Woelki, Leiterin Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity


Ziele des Professorinnen-Clubs sind die strategische Vernetzung und der Austausch dazu, was in den einzelnen Bereichen passiert und was noch nötig ist, um besser voranzukommen. Gerade für in der Pandemiezeit in Konstanz angekommene Professorinnen, die, ähnlich wie Erstsemester, nicht viel mitbekommen haben von dem Universitätsleben auf dem Campus, bedeutet dies eine wichtige Orientierungsquelle.

Darüber hinaus geht es in den Treffen, die dreimal jährlich stattfinden sollen, um Grundsätzliches, zum Beispiel auch um Themen, die Katharina Holzinger im Jubiläumsfilm anspricht: „Auch erfahrene Professorinnen nehmen wahr, dass sie nach wie vor ‚weniger ernst genommen werden‘, dass Machtspiele um Reputation und Ressourcen stattfinden und Frauen ausgeschlossen werden.“ Der Austausch und gemeinsame Weiterbildungen sind auch dafür gedacht, sich in solchen Situationen einerseits gut positionieren zu können und andererseits dazu beizutragen, die Spielregeln hin zu mehr Kooperation und Wertschätzung zu ändern.

Mehr Partizipation in wichtigen Gremien der universitären Selbstverwaltung ist gerade ein großes Thema in der hiesigen Gleichstellungarbeit. In Gremien wie beispielsweise Senat, Dekanaten und dem Ausschuss für Lehre und Weiterbildung, die viel Gestaltungsspielraum haben und strategisch von großer Bedeutung sind, sollen mehr Professorinnen aktiv mitarbeiten. Sowohl die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als auch die Exzellenzanträge formulieren hier Maßnahmen, denen gemäß nicht nur der weibliche Anteil erhöht werden muss, sondern zum Ausgleich auch ein Entlastungs- und Belohnungssystem einzuführen ist. Hoher Standard bedeutet hier auch hohe Frauenbeteiligung.

Hintergrund ist, dass auch Einrichtungen wie die DFG mehr Professorinnen zum Beispiel für Gutachten und Ämter einbinden, so dass Wissenschaftlerinnen, weil sie weniger sind, viel häufiger als Männer angefragt werden. Zusätzlich gibt es die landesgesetzliche Vorgabe, dass in jeder Berufungskommission mindestens zwei fachkundige Frauen sitzen müssen. In Fachbereichen mit wenigen Professorinnen kann das bedeuten, dass diese in jeder Berufungskommission präsent sind. Nun sollen noch die übergeordneten Gremien hinzukommen. Eine Umfrage an der Universität Konstanz unter Professorinnen hat diese überproportionale Belastung bestätigt. Derzeit wird im Gleichstellungsreferat ein Gremienbonus für Professorinnen erarbeitet.

Wie in vielen anderen Bereichen hat die Zeit des pandemiebedingten Lockdowns auch in Sachen Gendergleichstellung Defizite besonders deutlich hervortreten lassen. Eines ist unter „Gender-Publication-Gap“ bekannt. Wissenschaftlerinnen mit Kindern haben während dieser Zeit viel weniger publiziert als ihre Kollegen. „Bei uns können wir es statistisch noch nicht erfassen, aber einzelne Rückmeldungen deuten darauf hin“, sagt Marion Woelki. Das Gleichstellungsreferat hat 2020 abgefragt, womit es die Wissenschaftler*innen unterstützen kann und entsprechende Maßnahmen aufgelegt. Hinzu kam die Notwendigkeit, die Lehre auf digitale Formate umzustellen: „Diejenigen, die den Anspruch haben, gut zu betreuen, haben sich darauf konzentriert, Lehre zu machen. Wobei sich digitale Lehre mit Kindern zu Hause als oft unmöglich erwiesen hat.“

Das Gleichstellungsreferat konnte hier immerhin mit zusätzlichen Mitteln für Wissenschaftliche Hilfskräfte und Babysitter aushelfen.

„Eine unserer großen Stärken hier an der Universität Konstanz ist, dass wir nah an unseren Zielgruppen dran sind. Wir sind ziemlich gut darin, schnell Bedarf abzufragen und dann auch schnell zu handeln.“

Marion Woelki
Dafür steht eine ganze Palette von Maßnahmen, auch für den Nachwuchsbereich, zur Verfügung.

Was aber ist noch nötig, um den jährlich knapp einen Prozentpunkt an Professorinnen-Zuwachs zu steigern? „Viele Barrieren sind auch Fehler im System“, so die Referatsleiterin: „Es werden noch nicht die gesamten Lebensumstände von Wissenschaftlerinnen in den Blick genommen.“ Da sind die Paradigmen des Wissenschaftssystems, ständig mobil und flexibel zu sein und sich immer wieder neu auch auf Stellen durchkämpfen zu müssen sowie der hohe Publikationsdruck. Es ist ein Wechselspiel von Selbstselektion und Fremdselektion bei gleichzeitig geringen Perspektiven auf Dauerstellen.

Weil sie weniger sichtbar sind und weil sie sich weniger zutrauen, wird ihnen weniger zugetraut – und umgekehrt. So entsteht eine verzerrte Wahrnehmung von Leistung in Bezug auf das Geschlecht. Ergebnis ist oft, dass Wissenschaftlerinnen aufgeben, bevor es für einen Plan B außerhalb der Wissenschaft zu spät ist. Die Rektorin dazu: „Um solche Fremd- und Selbstselektionsprozesse zu durchbrechen, hilft nur das Bewusstmachen dieses Gender Bias. Bias-Trainings für Führungskräfte wären hier eine Option.“

Derzeit geht es an der Universität Konstanz darum, dezentrale Strukturen mit Ansprechpersonen für Gleichstellung und Diversity in den Fachbereichen zu schaffen. Ziel ist auch, näher an den Fachkulturen dran zu sein, um gegebenenfalls auch Rekrutierungsstrategien für Professorinnen anpassen zu können. Jetzt schon ist festzustellen, dass neue Diskussionen entstehen und die Ansprechpersonen in Professorien eingeladen werden. Marion Woelki sieht sehr hoffnungsvoll in die Zukunft, insbesondere wenn sie das neue Rektorat ins Auge fasst: „Für uns ist ein paritätisches Rektorat super. Drei Frauen, drei Männer, das ist die beste Voraussetzung und hat auch eine hohe Symbolkraft.“ Mit der Rektorin Holzinger hat sie schon zusammengearbeitet, als diese von 2009 bis 2012 als Prorektorin für Gleichstellung zuständig war.

Eine gute Basis für große Aufgaben. Eine wird sein, das Exzellenzprojekt „Inclusive Leadership“ auf den Weg zu bringen. „Eine Herausforderung ist die Gleichstellungs- und Diversity-Arbeit immer, insofern es bedeutet, dass nicht alle Förderungen gleich verteilt werden. Manche Personen sollen mehr bekommen, um gesellschaftlich bedingte Nachteile auszugleichen“, so Marion Woelki. Katharina Holzinger spricht im Jubiläumsfilm von „langwierigen und mühsamen und manchmal auch schmerzhaften Prozessen“. Denn Fragen der Gendergerechtigkeit seien immer auch Verteilungsfragen. Sie sagt aber auch: „Wir sind auf gutem Weg.“

Information zum Headerbild: Frauen, die in den vergangenen 30 Jahren das Amt der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten und der Prorektorinnen für Gleichstellung übernommen haben – inklusive Marion Woelki als Frauen- bzw. Gleichstellungsreferentin – wurden von Rektorin Katharina Holzinger für ihr Engagement mit einem leuchtenden Kunstwerk geehrt. Es ist mit dem jeweiligen Porträt bedruckt.

Dr. Maria Schorpp

Von Dr. Maria Schorpp - 01.07.2021