Integration im Coronajahr

Von stabiler Stimmung, Demokratievertrauen und dem Flitterwochen-Effekt bei frisch Zugewanderten

© Universität Konstanz, Stefan Greitemeier

Das Vertrauen in den Staat und die Demokratie ist im Coronajahr bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gewachsen. Das Integrationsklima in Deutschland ist stabil. Institutionen wie Schule und Polizei müssen aber achtgeben, dass dieses Vertrauen nicht durch individuelle Diskriminierungserfahrungen Zugewanderter unterhöhlt wird.

Diese und weitergehende Erkenntnisse von zentraler Bedeutung für unsere Gesellschaft veröffentlichte der Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem sogenannten „Integrationsbarometer“. Diese Wasserstandsmeldung des unabhängigen Forschungs- und Expertengremiums gibt seit 2015 Auskunft darüber, wie gut oder schlecht Integration in Deutschland wahrgenommen wird – sowohl aus Sicht der Zugewanderten als auch aus derjenigen der Einheimischen. Das diesjährige Barometer stellte Prof. Dr. Claudia Diehl, Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz, Co-Sprecherin des Konstanzer Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ und langjähriges Mitglied des SVR, gemeinsam mit Staatssekretär Markus Kerber vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat am 9. Dezember 2020 in der Bundespressekonferenz in Berlin vor.

Stabile Stimmung in der Integrationsgesellschaft
Eine zentrale Messgröße im Integrationsbarometer ist der Integrationsklima-Index. Seit 2015 wird „der Iki“, wie die Forschenden des SVR ihn liebevoll nennen, deutschlandweit repräsentativ erhoben, zuvor geschah das nur in ausgewählten Regionen. Über die Jahre blieb der „Iki“ im Wesentlichen stabil, Befragte mit und ohne Migrationshintergrund bewerten das Integrationsgeschehen heute also mehr oder weniger genauso wie vor fünf oder mehr Jahren.

Claudia Diehl erklärt, dass der „Iki“ das allgemeine Klima des Zusammenlebens wiedergibt: „Das unterliegt natürlich keinen so starken Schwankungen, die Erwartung bei einem solchen Index ist daher immer, dass er sich nur langsam über längere Zeiträume hinweg verändert.“ Die Zuwanderung vieler Geflüchteter 2015 stellte tatsächlich eine Herausforderung dar: „Bestimmte kritische Aspekte des Zusammenlebens sind in diesem Zeitraum viel stärker ins Bewusstsein gerückt, auch wenn sie mit der Zuwanderung Geflüchteter erst einmal wenig zu tun hatten – Stichwort Kölner Silvesternacht. Die Stabilität des Integrationsklimas auch über diesen Zeitraum hinweg ist daher durchaus positiv zu bewerten.“

Überhaupt wirkt die Integrationsgesellschaft in Deutschland im Coronajahr gefestigt, folgt man dem aktuellen Integrationsbarometer. Das beruht auf Umfragen, die nicht nur für das Bundesgebiet insgesamt, sondern auch für die Länder repräsentativ sind: 2020 wurden nämlich erstmals in jedem Bundesland 300-500 Personen mit und 500 ohne Migrationshintergrund befragt. Die Umfrage fiel in diesem Jahr nun genau in den Zeitraum, in dem der erste „Lockdown“ verhängt wurde und sich die Lebenssituation von Millionen Menschen in Deutschland massiv änderte. Regierungshandeln wurde – anders, als es im Alltag der Meisten sonst wohl der Fall ist – zu einem bestimmenden Faktor des tagtäglichen Zusammenlebens.

Hohes Vertrauen in Demokratie und staatliches Handeln
In dieser Phase beobachteten die Forschenden des SVR eine massive Zunahme des Vertrauens in staatliches Handeln und in das Funktionieren der deutschen Demokratie. Claudia Diehl erläutert eine wichtige Besonderheit dabei: „Wir sehen, dass sich bei Befragten ohne Migrationshintergrund die Zufriedenheit mit der Regierung und das Vertrauen in die Demokratie im Laufe der Coronakrise stärker verbessert haben als bei Befragten mit Migrationshintergrund. Dies liegt daran, dass in der letzteren Gruppe viele sind, die als Geflüchtete erst jüngst zugewandert sind. Deren Zufriedenheitswerte lagen ohnehin schon extrem hoch.“

„Was da wirkt, ist der sogenannte Honeymoon-Effekt“, erklärt Diehl. Dieser „Flitterwochen-Effekt“ ist in der Sozialforschung seit den 1950er Jahren bekannt: Für neu Zugewanderte prägt oft das Herkunftsland die Bewertungsmaßstäbe. Und da viele migriert sind, um Armut oder Unterdrückung zu entkommen, bewerten sie das Zielland häufig sehr positiv. Sie wissen demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand zu schätzen. Gleichzeitig sind sie mit vielen Debatten über diejenigen Dinge, die im Zielland eventuell im Argen liegen, noch nicht vertraut und haben erst wenig eigene Erfahrungen damit gemacht.

Der Referenzpunkt der Zugewanderten verschiebt sich im Laufe der Zeit, und auch durch tatsächlichen Kontakt, etwa mit Behörden, werden die Einstellungen differenzierter. „Auch das ist Integration: Die positiven Einstellungen der Zuwanderer gleichen sich den skeptischeren der Einheimischen an! Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund spreche ich daher analog zum Honeymoon-Effekt etwas zugespitzt von dem Alt-Ehen-Effekt: Man kennt sich und regt sich über viele Kleinigkeiten auf, aber wenn es eine ernsthafte Bedrohung von außen gibt, wird einem wieder klar, was man aneinander hat. So hat in der Coronakrise das Vertrauen der Menschen in die Institutionen denn auch deutlich zugenommen.“

Gibt es in Deutschland strukturellen Rassismus?
Trotz des Zusammenrückens in der Krise hat auch das Jahr 2020 scharfe Debatten über Integration, Fremdheitserfahrungen und Rassismus hervorgebracht. Insbesondere das Thema Polizeigewalt wurde ausgehend von den Vereinigten Staaten auch in Deutschland viel diskutiert, wobei in Deutschland die Frage im Vordergrund steht, ob es bei staatlichen Organen strukturellen Rassismus gibt.

Fragt man Claudia Diehl danach, reagiert sie mit leichtem Stirnrunzeln. Der Begriff des strukturellen Rassismus ist ihr analytisch zu unscharf, er fasse zu viele unterschiedliche Dingen zusammen und sei insgesamt sehr normativ. „Im Sinne von Praktiken wie des racial profiling gibt es so etwas sicher“, stellt sie klar, „Diskriminierung ist mehr als das bekannte Problem, das sich offenbart, wenn ein schwarzer Bewerber eine Wohnung oder eine Bewerberin mit Kopftuch einen Job nicht bekommen.“ Da seien etwa die vielen eher subtilen Bemerkungen und Verhaltensweisen im Alltag, die den Betroffenen vermittelten, dass sie nicht wirklich dazugehörten, und hinter denen bestimmte Annahmen über die Eigenschaften von Minderheitenangehörigen steckten. Das trifft besonders – aber nicht nur – Angehörige von sogenannten visible minorities, also Menschen, die auf Grundlage rein äußerlicher Merkmale zu einer Minderheit zugeordnet werden. Solche Phänomene seien mit einem so breiten Begriff wie „struktureller Rassismus“ aber nicht wirklich hilfreich beschrieben. „Diese Themen sind gleichzeitig auch mit dem Instrumentarium der klassischen empirischen Forschung schwer einzufangen. Hier sehe ich Forschungsbedarf.“

Positive Seiten der Rassismusdebatte
Besonders schwierig ist es in diesem Feld, Ursachen und Wirkungen auseinander zu halten. Das Instrumentarium der Sozialforschung kann oft nur feststellen, dass beispielsweise geringes Vertrauen in die Polizei und die Wahrnehmung, diskriminiert zu werden, recht eng miteinander einhergehen. „Aber hat bei den einzelnen Befragten jetzt tatsächlich Diskriminierungserfahrung durch Polizist*innen zu einem Vertrauensverlust geführt?“, fragt Diehl. „Das fällt uns viel schwerer zu beurteilen, als es scheint. Das geringe Vertrauen und die Diskriminierungswahrnehmung könnten ja auch beide auf noch einer dritten Variable beruhen, die man in einer Umfrage gar nicht zu fassen bekommt.“ Trotz dieser Schwierigkeiten sowohl in der öffentlichen Debatte als auch in dem Umgang der Sozialforschung mit ihr zieht die Soziologin ein positives Fazit: „Ich betone immer, dass die Rassismusdebatte auch ihre positiven Seiten hat: Sie zeigt nämlich, dass Mehrheits- und Minderheitenangehörige immer stärker auf Augenhöhe interagieren. Das bedeutet auch, dass die Ansprüche auf Gleichbehandlung gewachsen sind. Personen mit Migrationshintergrund reagieren sensibler auf Ausgrenzung, und sogar gegenüber subtilen Formen des Umdeutens von Menschen zu ‚Anderen‘ haben die Leute ein Problembewusstsein entwickelt.“

Bewertung der Integrationssituation hängt vom Alter ab
Problembewusstsein wie Zuversicht in Hinblick auf Integration sind aber nicht in allen Bevölkerungsteilen gleich verbreitet. Insgesamt sehen junge Leute, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, die Integration in Deutschland weit positiver als ältere; in der Gruppe über 65 Jahren wird die Integrationssituation beiderseits nur knapp positiv gesehen. Dafür seien vor allem persönliche Kontakte und Bildung ausschlaggebend, sagt Diehl. Persönliche Kontakte sind bei den Jüngeren häufiger, der Bildungsabschluss meist höher. Gerade in Hinblick auf das Bildungssystem sind die Älteren wesentlich kritischer als die Jüngeren. Während die Jüngeren überwiegend finden, dass in Klassen mit vielen Kindern mit Migrationshintergrund genauso gut gelernt wird, glauben die Älteren, dass dann alle Kinder weniger lernen. Gerade bei denjenigen, die unmittelbar mit dem Bildungssystem zu tun haben oder in jüngster Zeit hatten, also der Generation zwischen 15 und 25 Jahren, ist der Gesamteindruck am positivsten.

Ein Highlight des Wissenstransfers
Das hat mit dem persönlichen Kontakt zu tun, aber auch mit der Vermittlung, sagt Diehl: „Wir sehen generell: je stärker das Thema Zuwanderung nur medial vermittelt wird, ohne persönlichen Kontakt, desto skeptischer wird es gesehen.“ Bei dieser Vermittlung gelte es daher anzupacken, findet die Wissenschaftlerin. Für sie ist die Kommunikation von Forschung in die Gesellschaft inzwischen eine der Kernaufgaben einer Professorin, das „Barometer“ ein Highlight des Wissenstransfers. Der SVR habe zahlreiche etablierte Kommunikationskanäle in die Politik, und sein Ruf als unabhängiges Expertengremium sei hervorragend. Das Bewusstsein für die Bedeutung solcher Expertengruppen und ihres Inputs für gesellschaftliche Debatten habe auch stark zugenommen, meint Diehl und findet: „Eine bessere und professionellere Plattform als diesen Sachverständigenrat kann man sich dafür kaum wünschen.“

Für Claudia Diehl ist das Integrationsbarometer 2020 dennoch das letzte, an dem sie aktiv mitwirkt. „Ich scheide im Frühjahr aus dem SVR aus und bedaure das auf der einen Seite sehr. Aber es ist in der Tat eine recht aufwändige Aufgabe: Die langen Reisen nach Berlin, die vielen Durchgänge durch die Kapitel, die Begleitung anderer Studien der Geschäftsstelle – das Jahresgutachten ist ja nur ein Produkt unter vielen – die Präsentationen des Jahresgutachtens bei Stiftungen und auf Gemeinde- und Länderebene, die Beantwortung von Presseanfragen… Das alles kann schon ziemlich viel werden. Ich freue mich jedenfalls darauf, wieder mehr Zeit für meine eigene Forschung zu haben.“

© Universität Konstanz / Ines Janas

Prof. Dr. Claudia Diehl ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Claudia Diehl ist seit 2015 Mitglied im Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Ihre Forschungsinteressen umfassen soziokulturelle Einflüsse auf den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern, Eingliederung von Zuwanderern, ethnische Grenzziehungen, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung sowie internationale Migration.

Das Integrationsbarometer des unabhängigen Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen für Integration und Migration erscheint seit 2015 alle zwei Jahre und misst aufgrund repräsentativer Befragungen die Stimmung zur Integration in Deutschland.

Paul Töbelmann

Von Paul Töbelmann - 11.12.2020