Von Eingriffsnorm, Kollisionsrecht und Motorradfahren im Schwarzwald

Adrian Hemler hat für seine Dissertation zur Wirkungsweise von sogenannten Eingriffsnormen den Gerhard-Kegel-Preis der Deutschen Gesellschaft für Internationales Recht erhalten – Der Nachwuchswissenschaftler im Porträt

© Bild: Edward Lich auf Pixabay

Anruf im tausend Kilometer entfernten Großbritannien. Wir erreichen Adrian Hemler an diesem Freitagnachmittag in Cambridge. An der hiesigen Universität absolviert der promovierte Rechtswissenschaftler gerade ein knapp einjähriges Graduiertenstudium mit dem Abschluss „Master of Laws“ (LL.M.). Vergangenen September – mitten im Corona-Jahr 2020 – ist er nach Großbritannien aufgebrochen.

Noch vor der Corona-Pandemie – bereits im Frühjahr 2019 – hat er seine Dissertation mit dem Titel „Die Methodik der ‚Eingriffsnorm‘ im modernen Kollisionsrecht. Zugleich ein Beitrag zum Internationalen Öffentlichen Recht und zur Natur des ordre public“ an der Universität Konstanz verteidigt. Nun hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Internationales Recht dafür mit dem Gerhard-Kegel-Preis ausgezeichnet. „Die Auszeichnung ist eine besondere Ehre für mich“, so der Jurist.

Wovon die prämierte Dissertation handelt
Adrian Hemler ist in seiner Dissertation zu einer Grundlagentheorie gelangt, die Fremdrechtsanwendung neu erklärt. „Meine Theorie erlaubt es, dass vor einem deutschen Gericht auch fremdes öffentliches Recht zum Tragen kommt.“ Das würde in der Praxis beispielsweise die Anwendung von fremdem Steuerrecht bedeuten: War ein deutsches Unternehmen in Indien tätig und schuldet aus dieser Handelstätigkeit noch Steuern, könnte der indische Staat vor einem deutschen Gericht unter Anwendung indischen Rechts die geschuldete Steuerforderung eintreiben – was besonders hilfreich wäre, wenn keine Instrumente zur grenzüberschreitenden Steuereintreibung existieren.

Eine Frage der Gerechtigkeit
In zivilrechtlichen Prozessen in Deutschland ist die Anwendung von ausländischem Recht bereits möglich – in Prozessen des öffentlichen Rechts nicht. Für Adrian Hemler ist diese Anwendbarkeit jedoch eine Frage der Gerechtigkeit: „Häufig ist es, trotz zahlreicher Verbindungen zu einem fremden Staat, nicht angemessen, heimisches Recht anzuwenden“, erklärt der Jurist. „Meine Theorie eignet sich für eine globalisierte Rechtswirklichkeit. Sie ermöglicht dem Richter, fremde Rechtswirklichkeiten ganzheitlich zu betrachten, was die bisherige Dogmatik ausschließt.“

Mehr noch: „Rechtsgebiete wie das Kollisionsrecht, also das Internationale Privatrecht, würden damit einfacher und vor allem fortbildungsfähig werden", schildert Hemler die Vorteile. „Die Eingriffsnorm – eine zwingende Vorschrift mit einem politisch-gemeinwohlorientierten Zweck, die sich in jedem Fall gegen anwendbares Fremdrecht durchsetzen soll – sehe ich hingegen als methodische Sackgasse.“

Wissenschaftliche Laufbahn als Berufsziel
Für die Zukunft strebt Adrian Hemler eine wissenschaftliche Laufbahn an. „An der Rechtwissenschaft fasziniert mich die Kombination aus einer logisch-strukturierten Herangehensweise und der Angewandten Philosophie“, so Hemler. Die Zeit seiner Promotion hat ihn, wie er im Livestream der Preisverleihung am 12. März 2021 berichtet, unter anderem gelehrt, wie fruchtbar Auszeiten für wissenschaftliche Ergebnisse sein können. „Viele meiner besten Ideen hatte ich beim Motorradfahren im Schwarzwald oder beim Segeln.“

Wenn der Rechtswissenschaftler im Sommer sein Graduiertenstudium im Cambridge und einen daran anschließenden dreimonatigen Forschungsaufenthalt dort beendet hat, wird er diese Auszeiten im Schwarzwald möglicherweise wieder ausgiebig nutzen können. Dann möchte er nämlich nach Deutschland zurückkehren.

Adrian Hemler hat in Berlin Rechtswissenschaft studiert und war in der Arbeitsgruppe Bürgerliches Recht, Internationales Privat- und Verfahrensrecht und Rechtsvergleichung von Prof. Dr. Michael Stürner an der Universität Konstanz tätig, wo er 2019 promoviert wurde. Im April 2020 hat er sein Rechtsreferendariat abgeschlossen. Seit Sommer 2020 absolviert er ein Graduiertenstudium an der Universität Cambridge. Sein Abschlussziel lautet: Master of Laws (LL.M.)


Über den Gerhard-Kegel-Preis
Der Gerhard-Kegel-Preis wird alle zwei Jahre von der Deutschen Gesellschaft für Internationales Recht als Nachwuchspreis für herausragende publizierte oder zur Publikation angenommene Dissertationen auf dem Gebiet des Internationalen Privatrechts an Wissenschaftler*innen verliehen, die das 35. Lebensjahr im Zeitraum der Veröffentlichung der Arbeit noch nicht vollendet haben. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert.

Simone Mutschler

Von Simone Mutschler - 25.03.2021