Wie Asterix der Forschung hilft

Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Georg A. Kaiser vergleicht in Comics, Krimis, der Bibel und verschiedenen ihrer Übersetzungen die Wortstellung in Fragesätzen und kommt zum Schluss, dass die deutsche Sprache ganz schön starr sein kann.

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„Wer, wie, was – wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ Schon Kindern wird in der Serie „Sesamstraße“ beigebracht, ihren Horizont durch stetes Nachbohren zu erweitern. Wir alle stellen täglich viele Fragen: Sie sind nicht nur essenziell für unseren Alltag, sondern bieten auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht einige Besonderheiten. Die Erforschung von Fragen bildet daher einen Schwerpunkt des Fachbereichs Linguistik an der Universität Konstanz. In der Forschung des Konstanzer Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Georg Kaiser geht es jedoch nicht etwa um den Inhalt von Fragen, sondern um die Wortstellung in Fragesätzen. Dazu benötigt er Asterix, den Kleinen Prinzen, Sherlock Holmes und die Bibel. „Das hat einen ganz einfachen Grund“, erklärt er.

„Bei diesen bekannten Werken handelt es sich um Paralleltexte. Das heißt, sie wurden in sehr viele Sprachen übersetzt, und wir können sie dadurch direkt miteinander vergleichen.“

- Prof. Dr. Georg Kaiser

Paralleltexte helfen also dabei, zu untersuchen, wie ein und dieselbe Frage in unterschiedlichen Sprachen umgesetzt wurde, und sind ein wichtiges Hilfsmittel, um den Geheimnissen und Regeln der Sprache auf die Spur zu kommen. Vor allem Krimis sind dankbares Analysematerial, denn Kommissare stellen erfahrungsgemäß sehr viele Fragen. Die Asterix-Hefte haben einen weiteren Vorteil: „Bei Comics sind die kurzen Texte in den Sprechblasen noch enger vergleichbar als bei längeren Prosatexten, bei denen der Übersetzer freier ist“, sagt Georg Kaiser. Auch Bibelverse eignen sich aufgrund ihrer klaren Struktur sehr gut für seine Forschung. 

Ein Comic ist immer im Gepäck

Und so analysierten Georg Kaiser und seine akademischen Mitarbeiterinnen Svenja Schmid und Dr. Anja Weingart bislang rund 35 Asterix-Hefte jeweils in den Fassungen auf Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch sowie in den beiden portugiesischen Varianten, die in Portugal und in Brasilien gesprochen werden. Insgesamt kamen sie auf etwa 200 einzelne Hefte der Comicserie. Mitarbeiterinnen trugen die zu analysierenden Sätze in all diesen Sprachen einzeln in Tabellen ein, damit sie auf einen Blick vergleichbar sind. An das fremdsprachliche Material zu kommen, sei nicht einfach, wie Mitarbeiterin Carmen Widera erzählt:

„Wir bringen von unseren Forschungsaufenthalten im Ausland immer Asterix-Bücher mit.“

- Carmen Widera

Dazu kommt die Analyse zahlreicher weiterer Paralleltexte. Dennoch ist das zu untersuchende Corpus klein: „Wir werten sehr wenige Daten aus im Vergleich zu anderen Projekten, wo beispielsweise alle Ausgaben einer Tageszeitung seit Beginn ihrer Publikation bis heute verwendet werden“, sagt Georg Kaiser.

Aus dem Professor für Romanistische Sprachwissenschaft sprudelt es nur so heraus, wenn er von grammatikalischen Phänomenen wie „Verbzweitstellung“ und „leeren Subjekten“ spricht. Er und seine Mitarbeiterinnen arbeiten momentan in zwei Projekten, in denen sie die genannten Paralleltexte untersuchen. In dem einen Projekt geht es um die Frage, an welcher Stelle in einem Satz das Verb steht und warum manche Sprachen dabei variabler sind als andere. Im zweiten Projekt nimmt Kaisers Team die Position von Fragepronomina unter die Lupe, zum Beispiel in diesem französischen Satz: „Et cette potion, elle fait de l’effet pendent combien de temps?“ Auf Deutsch heißt es: „Und die Wirkung dieses Zaubertranks, wie lange hält die an?“ oder „Und wie lange hält die Wirkung dieses Zaubertranks an?“. Hier wird deutlich, dass es im Deutschen nur in Ausnahmesituationen möglich ist, das unterstrichene Fragepronomen nach hinten zu stellen. Die Formulierung „Und die Wirkung dieses Zaubertranks, die hält wie lange?“ würde ein deutscher Sprecher nur in einer sogenannten Echofrage wählen – also dann, wenn er etwas nicht verstanden hat oder nicht glauben kann. Auch in den meisten romanischen Sprachen ist es nur in Ausnahmen möglich, das Fragepronomen ans Satzende zu stellen. Doch im Französischen und dem brasilianischen Portugiesisch ist diese Wortstellung weit verbreitet. „Die Frage nach dem Warum ist sehr spannend“, findet Professor Kaiser.


Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der sogenannten Verbzweitstellung, die typisch für die Grammatik des Deutschen ist. Das Verb steht immer an zweiter Stelle in einem Satz; genauso ist es in anderen germanischen Sprachen – außer im Englischen – sowie im Rätoromanischen. Hier muss es heißen „Morgen gehe ich in die Stadt“ und nicht „Morgen ich gehe in die Stadt.“ In manchen romanischen Sprachen darf diese Regel aber verletzt werden, und zwar unterschiedlich stark. So lautet die französische Entsprechung „Demain, je vais en ville.“ Warum die Regeln für das Deutsche so starr sind, es in einigen romanischen Sprachen aber viel Varianz bei der Wortstellung gibt, ist auch Georg Kaiser ein Rätsel, das er zu lösen hofft.

Siri und Alexa ohne Sprachfehler

Kann er denn überhaupt noch unbedarft „Asterix“ oder den „Kleinen Prinzen“ lesen? Georg Kaiser lacht. 

„Ich achte beim Lesen, egal welches Textes, immer auf grammatikalische Phänomene, aber das stört mich nicht.“

- Prof. Dr. Georg Kaiser

Seine Mitarbeiterinnen nicken, ihnen geht es genauso. Seit viereinhalb Jahren sitzen sie nun schon vor den Tabellen mit Sätzen aus Asterix und Co., ein Ende ist nicht in Sicht. Doktorandin Svenja Schmid: „Es finden sich immer noch präzisere Fragen.“ Und auch neue Instrumentarien. In der Computerlinguistik wird daran gearbeitet, die Texterfassung zu automatisieren. Bislang werden die Sätze meist von Hand eingetippt. Ein Computer kann zwar Fragesätze erkennen und markieren, aber noch nicht zuverlässig alle grammatikalischen Phänomene filtern, die Forschungsgegenstand sind. Anja Weingart erläutert: „In der Computerlinguistik wird eine Trefferquote von 80 Prozent gefeiert, aber in anderen Bereichen der Linguistik ist eine Fehlerquote von 20 Prozent inakzeptabel.“ Weingarts Aufgabe ist unter anderem, aus dem Material von Georg Kaisers Forschung eine Webdatenbank mit Suchfunktion zu erstellen und sie, unter Einhaltung des Urheberrechts, später auch anderen Wissenschaftlern zugänglich zu machen. „Dann war es nicht umsonst, dass all diese Sätze von Hand eingetippt wurden“, sagt Carmen Widera und lacht.

Und was steht am Ende aller Bemühungen? Die Forschungsgruppe „Questions at the Interfaces“ der Universität Konstanz, der Georg Kaiser mit seinem Team angehört, macht nicht nur Grundlagenforschung, sondern trägt ihren Teil dazu bei, unseren Alltag zu erleichtern. Carmen Widera: „Programme wie Alexa oder Siri leben davon, dass sie möglichst authentisch sprechen. Das erwarten die Nutzer heutzutage.“ Und dafür müssen sie auch von Linguisten gefüttert werden. Damit Alexa nicht eines Tages sagt: „Konstanz eine Stadt am Bodensee ist.“

Wir alle stellen täglich viele Fragen. Doch nicht alle zielen darauf ab, tatsächlich eine Antwort zu erhalten. Beispiel: „Habe ich dir das nicht gleich gesagt?“ Oder: „Machen wir nicht alle mal einen Fehler?“ dienen nicht der Informationsbeschaffung, sondern eher einer Meinungsäußerung. Sie werden deshalb in der Sprachwissenschaft auch als unechte Fragen bezeichnet, genauso wie an sich selbst gerichtete Fragen: „Was mache ich denn jetzt?“ Mit solchen Sprachphänomenen beschäftigt sich die Forschungsgruppe FOR 2111 der Universität Konstanz unter dem Titel „Questions at the Interfaces“. Georg Kaiser, Professor für Romanistische Sprachwissenschaft, ist mit seinem Team Teil dieser Forschungsgruppe.

Kirsten Astor

Von Kirsten Astor - 29.10.2020